Jahreslosung
2011:
„Lass
dich
nicht
vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit
Gutem.“
Römer 12,21
Liebe
Freundinnen und Freunde unserer Gemeinde!
Ist
diese Losung nicht eine Herausforderung, der man heute wie damals
fragend
gegenüber steht: Wie soll das gehen? Es ist leichter gesagt als gelebt,
eigene
Fehler einzugestehen und gar Böses zuzugeben kostet Überwindung. Was ist, wenn ich mit meinen Fehlern nicht
geliebt
werde? Wie sieht Gott mich an? Und was ist, wenn meine Kraft nicht
reicht, das
mir zugefügte Böse, zu vergeben und mit Gutem zu überwinden? Wie soll
ich dem
Menschen, der mich verleumdet, zu Unrecht anklagt; dem, der mich mit
Worten und
Taten verletzt; dem, der Gewalt gegen mich ausübt oder mir gar an das
Leben
will, wie soll ich dem Menschen, der sich nicht mal entschuldigen will,
wie
soll ich dem nicht nur vergeben, nicht nur seine Boshaftigkeit
vergessen und
Gras über die Sache wachsen lassen, sondern wie soll ich dem Gutes tun
und
lieben? Was sind eigentlich die Maßstäbe
von Gut und Böse? Alle Religionen sind sich in Fragen der Ethik
erstaunlich
einig. Die ethischen Maßstäbe mögen zwar in Bewegung geraten und in der
Diskussion sein, aber dass es Gut und Böse gibt, daran ist doch kein
Zweifel.
Das Böse hat viele Gesichter. In der christlichen Tradition galt das
Böse lange
als etwas, das von außen in die Welt kommt, personifiziert in der Figur
des
Teufels. Das Böse wurde als etwas Übernatürliches gesehen, das die
Menschen
gewissermaßen wie eine Krankheit befällt und in seine Gewalt bringt.
Die
Menschen bringen das Böse nicht hervor, sie können nur davon
beeinflusst sein.
Deshalb hat Jesus uns im Vaterunser zu beten gelehrt: „Erlöse uns von
dem Bösen.“
Es steht fest: Das Böse ist bedrohlich. Wir stellen uns das Böse nicht
mehr in
der Gestalt des Teufels vor. Aber wer oder was bringt dann den Menschen
auf den
teuflischen Gedanken, zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World
Trade
Center zu steuern? Wir wissen um die Fehlbarkeit des Menschen. Wir
spüren die
Zerbrechlichkeit und Endlichkeit unserer Existenz. Wir erleben unsere
Gefährdung. Jede Tat beginnt im Kopf, oft lange Zeit vor Beginn ihrer
Ausführung.
Wenn wir ehrlich sind, so wissen wir alle um die dunkle Seite im
Menschen. Wir
erkennen, dass die Trennwand zwischen Gut und Böse sehr dünn ist. Der
Geist des
Bösen gewinnt Raum und Macht, wenn Menschen gewissenlos werden und
nicht mehr
darauf achten, wo die Würde des Menschen verletzt wird und mit Hass und
Gewalt
noch mehr Hass und Gewalt erzeugt werden.
Gegen
das Böse und die Gewalt setzt Paulus das Gute
und die Liebe. Liebe ist die einzige Macht, die das Böse bezwingen
kann. Paulus
schlägt eine aktive Haltung der Gewaltlosigkeit vor. Statt sich zu
fügen, soll
man versuchen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Wirsollen als Christen verblüffende Wege wagen,
anders reagieren als erwartet wird, ausbrechen aus dem Kreislauf der
Vergeltung,
kreative, ungewöhnliche Lösungen suchen, Möglichkeiten, an die wir
zunächst
vielleicht gar nicht denken. Es geht im Sinne des Gebots Jesu darum,
den Feind
zum Freund zu machen. Das ist die christliche Strategie im Umgang mit
dem Bösen:
Gottes Reich wird nicht erkämpft, es wird gesät und wächst, da wo
Menschen sich
den Teufelskreisen des Bösen verweigern und angesichts des Bösen Wege
der Liebe
und Wege zum Frieden suchen. Böses mit Gutem zu überwinden: das ist nun
nicht
nur eine Sache von Vernunft und Klugheit. Es ist vor allem eine Frage,
ob wir
Christen sind, ob die Liebe Gottes in uns wohnt, ob wir nach dem Gebot
der
Liebe leben. Wo die Liebe Gottes wohnt, kann das Böse keinen Platz mehr
haben.
Wo die Liebe wohnt, da ist Barmherzigkeit. Wo die Liebe wohnt, da
vergibt man
sich nichts, wenn man jemanden vergibt. Wer von der Liebe Gottes weiß,
der kann
seine Sorgen und Nöte auch der Güte Gottes anvertrauen. Wer von Gottes
Gerechtigkeit
weiß, der weiß auch, dass Gottes Mühlen langsam aber trefflich
mahlen. Letzten
Endes kann nur Gott selbst das Böse in aller Welt und in aller Form
überwinden.
Wir können aber unseren Teil dazu beitragen, indem nach Gottes Geboten
leben.
Wir können als Eltern unseren Kindern Vorbilder sein. Wir können auch
unseren
schwierigen Mitmenschen die Liebe Gottes vorleben. So können wir dazu
beitragen, dass das Böse überwunden wird. Ich grüße Sie alle
herzlichst
mit allen guten Wünschen für 2011, vor allem Gesundheit, Freude am
Leben und
Gottes Segen!
Ein Rabbi
wurde
einmal gefragt: „Wer ist der mächtigste Mann?
Er antwortete: „Wer die Liebe
seines Feindes gewinnt, ist der Mächtigste im ganzen Land!“
Herzlichst
Norbert Müller
Andacht zur Jahreslosung 2010: „Jesus Christus spricht: “Euer Herz
er-schrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Joh 14,1)
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Wenn Sie Ihr Leben oder das Leben allgemein mit einem Bild beschreiben
sollten -‚ welches würden Sie nehmen? Ist das Leben wie eine
Blumen-wiese, die zum Verweilen und zum Ausspannen in der Sonne
einlädt? Oder wie ein steiniger Acker: harte Arbeit, die aber auch
befriedigen kann? Oder wie eine Wüste: öde und leer, gefährlich, aber
auch schön? Oder wie eine Fabrik, weil man dort im vorgegebenen Takt
arbeiten und sich mühen muss? Oder wie eine Schule, in der Sie jeden
Tag lernen? Oder ist das Leben wie ein endloses Laufen im Hamsterrad?
Und was treibt uns eigentlich an: Ängste und Erwartungen, Sehnsucht
nach Erfolg und Glück? Manches Bild wird Ihre Zustimmung finden.
Manches ist
flur Sie gewiss völlig falsch. Vielleicht schwanken Sie auch, je nach
Lebenssi¬tuation
und Stimmung, zwischen verschiedenen Bildern. Unsere Jahreslosung ist
ein
Abschiedswort Jesu an seine Jünger, mit dem er daran erinnert, dass das
Leben
eine Mitte hat, um die sich alles dreht. Viele Menschen haben bei ihrem
Streben
die Mitte gar nicht gesucht. Gerade in unserer Gesellschaft denken
viele
nur an sich und haben Gott und Jesus aus ihrem Denken und Tun
verdrängt.
Wenn jemand Glaubensfra¬gen stellt, dann ist nicht die Frage
entscheidend, wer war Jesus Christus, sondern wer ist Jesus Christus
und was bedeuten seine Worte? Die letzten Worte sind so etwas wie ein
Vermächtnis. Sie gelten nicht nur für ein Jahr, sondern für das ganze
Leben. Abschiedsworte haben ein besonderes Gewicht. Besonders intensiv
ist der Abschied, wenn es auf die letzte Reise geht. Die Jünger sind
erschrocken, als Jesus sagt, dass er gehen wird. „Das schaffen wir
niemals allein! Ohne den Herrn ist alles sinnlos!“, sagen sie. Abschied
macht Angst. Loslassen bedeutet Leiden. Die letzten Worte Jesu geben
Trost und sind so kostbar wie ein wertvoller Schatz. Jesus macht
deutlich, dass die Mitte des Lebens Gott ist und wer zur Mitte des
Lebens gelangen will,
braucht Glaube und Liebe. Auf dem Weg zu Gott geht Jesus den Jüngern
und
uns voran. Er bereitet den Weg gewissermaßen vor, so dass wir ihn alle
gut
gehen können. In seiner letzten Weisung betont er die Liebe für den
Umgang im Mitei¬nander: „Dass ihr euch untereinander liebt, wie ich
euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird
jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe
untereinander habt.“ (Joh. 13,34+3 5). So beginnen die
Abschiedsworte Jesu. Sie sind der Kern seines Vermäch¬tnisses. Alles,
was wir tun oder uns vornehmen, soll von der Liebe bestimmt sein. Jesus
kennt aber auch die Unwägbarkeiten des Lebens und weiss, was das
menschliche Herz verunsichern und erschrecken kann. In unserer
krisenhaften, von Globalisierung geprägten Zeit ist vieles nicht mehr
kalkulierbarr. Arbeit und Wohlstand sind
nicht mehr selbstverständ¬liche und sichere Güter. Die Gier des
Menschen treibt
zu immer grösserer Verschwendung der Ressourcen. Es ist erschreckend,
wie
mit dem Raub¬bau an der Natur und der Verteuerung der Lebenssmittel die
natürlichen
Lebensgrundlagen vieler Kleinbauern in Asien, Arika und Lateinamerika
zunichte
gemacht werden Katastrophenmeldungen wie z. B. aus Haiti haben uns
gezeigt,
wie schnell tausende von Menschen ihr Leben verlieren können und wie
zerbrechlich
die Natur ist. Wir wissen nicht, was auf uns zukommen wird. Aber ich
bin
gewiss, Gott kennt unsere Zukunft! Unsere Zeit, unsere Vergangenheit,
unsere
Gegenwart und unsere Zukunft stehen in Gottes Hand! Wie der Psalmbeter
aus
dem Glauben die Hoffnung gewinnt und spricht: „Ich aber, HERR, hoffe
auf
dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen
Händen.“ (Psalm
31, 15+16a), so will Gott uns durch die Worte Jesu aufrichten und
unseren
Glauben stärken, dass wir IHM mehr zutrauen als uns selbst. Gott reicht
uns
durch Jesus seine Hand und will nichts anderes als unser Vertrauen.
Jesu
Worte: „Glaubt an Gott und glaubt an mich,“ wollen uns sagen: Vertraut
auf
die Wege, die Gott mit uns gehen will. Wir haben allen Grund zum
Vertrauen. Der Wegbereiter ist uns vorausgegangen. Das Vertrauen in
Gottes Wege haben unzählige Christen in Vergangenheit und Gegenwart
erlebt. Jesus ist auch unser
Wegbegleiter.
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2010
alles Gute, vor allem Gesundheit, Frieden, Gottes Segen und die Kraft,
den Glauben an Gott und Jesus mit Liebe zu bezeugen!
„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am
Abend und am Morgen und ganz
gewiss an jedem neuen Tag.“
Dietrich Bonhoeffer, 1906-1945
Herzlichst
Norbert Müller
Andacht zur Jahreslosung 2009: „Jesus aber sagte: Was bei
den Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich!“ (Lukas 18,27)
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
„Wunder gibt es immer wieder“, behauptet ein alter Schlager. —
Aber es lässt sich nicht mit ihnen rechnen. Auf ein Wunder hin
kalkulieren mag zwar in den vergangenen Jahren im Trend gelegen haben —
aber solche
Spekulationen führten allzu häufig in die Pleite. Börsencrashs, Banken
und
Firmeninsolvenzen, Produktionsstopps und Kurzar-beit sind die
Nachwirkungen
der Finanzkrise, die letztes Jahr spürbar wurde, weil Banken ohne
Kontroll-mechanismen
nach der Devise han-delten: „Gewinnmaximierung um jeden Preis“. „Nichts
ist unmöglich“ lautet der Werbespruch eines großen japanischen
Automobilherstellers,
der auch nicht von der weltweiten Wirtschaftskrise verschont geblieben
ist.
Um den Wohlstand zu mehren, kann-te man keine Grenzen und ließ Risi-ken
außer acht. Sicher sind aus dem Wohlstand auch viele Wohltaten
er-wachsen, die vielen Menschen ein relativ sorgenfreies Leben bereitet
haben und unsere Freizeit und Le-bensqualität ermöglicht haben.
Aus den Krisen lernen wir: Wohlstand und Wohltaten sind zerbrechliche,
vergängliche Güter. Wer sie be-wahren will, darf sie gerade nicht zum
letzten
Wert machen. Wettbewerb, Wachstum und Gewinn sind wirt-schaftliche
In-strumente;
eine verlässliche Lebens-gewissheit stiften sie nicht.
Aber was hilft es zu wissen, dass bei Gott mehr möglich ist, als bei
den Menschen - wenn man sich dafür nichts kaufen kann?
Vielleicht ist es ja gerade dieses Denken, das von Jesus in Frage
ge-stellt wird. Im Lukasevangelium geht unserem Losungswort die
Begegnung Jesu mit
einem reichen jungen Mann voraus. Sein Lebenswandel ist unta-delig. Er
hält
sich an die Gebote, liebt Gott und seine Nächsten. Nur bei der Frage
nach
seinem Reich-tum gibt er klein bei. Alles aufgeben - den Armen geben,
um
eines Schatzes im Himmel willen? Eher geht ein Kamel durch ein
Nadelöhr,
heißt es dann.
„Wer kann dann selig werden?“ — ist die ängstliche Frage der Jünger,
nachdem sie diese Begegnung miter-lebt haben. Wer möchte den eigenen
Reichtum loslassen? Wer würde denn ohne gesicherten Eigenbedarf alles
abgeben? Die ganze Ökonomie wür-de aus den Fugen gehen.
Nicht nur die Annehmlichkeiten des Wohlstands und die materielle
Si-cherheit wären dahin. Auch das bis-herige Leben wäre entwertet. Die
eigene Lebensleistung und die erworbenen Ansprüche – alles wäre dahin.
Kein Wunder, dass den jungen Mann Trauer befällt. Er hatte andere nicht
übervorteilt, er war nicht besessen von Gier — und dennoch spürt er mit
großer Wehmut, wie sehr sein Leben und seine Vorstellungswelt von
wirtschaftlichen Werten geprägt sind.
Hergeben, was einem lieb ist, das ist schwer. Eher geht ein Kamel durch
ein Nadelöhr. Natürlich geht ein Kamel nicht durch ein Nadelöhr. Das
Nadelöhr war die kleinste Pforte in den Mauern Jerusalems. Ein Kamel
war dafür viel zu groß, abgesehen davon, dass es das gar nicht wollte.
Das Wort Jesu ist zum geflügelten Wort geworden, wenn man etwas
Unmögliches bildhaft benennen will. Durch Jesu Wort zeigt Gott uns die
Enge unserer Vorstellungswelt und unsere Abhängigkeiten — und er führt
uns heraus. Er schafft eine neue Perspektive, indem er deutlich macht:
Reich ist derjenige, der erkennt, was er nicht
kann und was er getrost Gott überlassen sollte. Gott macht so dem
Menschen
seine Grenzen bewusst, damit der Mensch Gott erkennt und ihm in seiner
Größe
Allmacht erweist. Hinsichtlich der menschlichen Grenzen formulierte
Goethe
es so: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschbare
erforscht
zu haben und das Unerforsch-liche ruhig zu verehren. Der Glaube ist
nicht
der Anfang sondern das Ende allen Wissens".
Die Jahreslosung 2009 passt auch gut zu dem reformatorischen
Grundanliegen des Genfer Reformators Jo-hannes Calvin, dessen 500.
Geburtstag wir am Sonntag, den 12. Juli um 18 Uhr mit einer
Gedenkfeier begehen wollen. Calvin hat
herausgestellt: Wer anerkennt, dass er selbst nichts zu seiner Erlösung
beizutragen
vermag, sondern alles Gott verdankt, der hat Gott erkannt und gibt ihm
dadurch
die Ehre. Oder anders gesagt: Erst wenn wir Menschen Gott wirklich als
Gott
anerkannt haben, werden wir uns unserer Grenzen heilsam bewusst werden.
Johannes
Calvin lehrt uns, Gott ernst zu nehmen und auf seine Gnade zu hoffen.
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2009
alles Gute, vor allem Gesundheit, Frieden, Gottes Segen und die Kraft,
zur Ehre Gottes zu wirken.
„Wir müssen unser ganzes Leben lang
vorwärts kommen, und alles, was wir erreichet haben, ist immer
nur Anfang."
Genfer Reformator , Johannes Calvin, 1509-1564
Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.-
Andacht zur Jahreslosung 2008: „Jesus Christus spricht: Ich lebe, und
ihr sollt auch leben!" (Johannes Evangelium 14, 19)
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Es gibt viele Abschiedsmomente im Leben. Kindern fällt der Abschied von
den Eltern und Großeltern schwer, wenn sie allein ein große Reise
unterneh-men.Wenn jemand von seiner Frau und den Kindern Abschied
nimmt, weil er in eine Krisenregion wie Afghanistan aufbrechen muss,
dann mischen sich Ohnmacht und Sorge in den Abschied. In seinem
bekannten Gedicht „Stufen“ beschreibt Hermann Hesse, wie der
Mensch im Laufe der Jahre Lebensabschnitte durchschreitet und
dabei immer wieder neu Abschied nehmen muss:
„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu
ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem
Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in
Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns
hilft zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an
keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will
nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreis und traulich eingewohnt, so
droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,mag
lähmen-der Gewohnheit sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die
Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an
uns wird niemals enden
...Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“
Abschiednehmen –das ist nicht einfach. Besonders, wenn alle fühlen,
dass dies ein Abschied für immer sein könnte. Um den Abschiedsschmerz
zu mildern, gab
der Dichter Theodor Fontane folgenden Rat: "Abschiedsworte
müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung".
Die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium führt uns in eine Situation
des Abschiednehmens. Jesus kündigt seinen Jüngern und vielen anderen
Menschen, denen er geholfen und ein neues leben eröffnet hat, sein
Weggehen an. Die Jünger Jesu haben Abschied und Tod vor Augen. Wir
wissen nicht, ob sie seine Abschiedsworte sofort verstanden haben.
Vielleicht haben sie sich gefragt: Hatte der gemeinsame Weg mit Jesus
überhaupt einen Sinn gehabt? Eine vertraute Zeit geht für sie zu Ende
und die Zukunft liegt als unbekanntes Land vor ihnen. Jesus ermutigt
sie mit diesen Worten: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ Sein
Tod und seine Auferstehung machen den Weg zu einem Leben, dem kein Tod
etwas anhaben kann, frei.
Diese frohe Botschaft wirft einen heilen Schein auf das Leben im
Schatten des Todes. Für die Gefährten Jesu Christi ist es tröstlich,
dass sie nicht einfach zu-rückgelassen werden. Jesus stimmt sie auf die
neue Wegstrecke ein. Sie werden nicht allein sein. Das bringt die
Jahreslosung zum Ausdruck: Er kündigt ihnen die tröstende Gegenwart des
Heiligen Geistes an. Dieser Tröster
— so Jesus — wird ihnen Beistand, Helfer, Mittler und Fürsprecher sein.
Gottes
Geist wird sie in die ganze Wahrheit leiten und stärken, Leben zu
schützen
und zu bewahren.
Gottes Geist steht auf der Seite des Lebens. Gottes Wort und Geist
stellen Christinnen und Christen auf die Seite des Lebens. Wo Leben
verletzt, bedroht und ausgelöscht wird, erwartet der Auferstandene die
Parteinahme der Christinnen und Christen. Geschwächte Menschen,
Menschen mit Behinderungen, kranke Menschen, Menschen am Rande des
Todes sollen die Solidarität ihrer Mitmenschen erfahren. Christen sind
Protestleute gegen den Tod, weil sie darauf hoffen, dass Gottes
Liebe stärker ist als der Tod und dass Jesus uns ein Leben verspricht,
wie er es haben wird. Ein Leben nach dem Sterben, das diesen Namen
wirklich verdient. Jesus wird es nicht für sich behalten, sondern an
die weitergeben, die ihm vertrauen. In diesem Sinne bekennt der
russische Dichter Dostojewski kurz vor seinem Tod: "Mein Leben geht zu
Ende. Ich weiß und fühle es. Doch mit jedem sich neigenden Tag spür ich
auch, wie mein irdisches Leben übergeht in ein neues, unendli-ches,
unbekanntes Leben, dessen Vorgefühl mein Herz fröhlich macht."
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2008
alles Gute, vor allem Gesundheit, Achtsamkeit und Ehrfurcht für alles
Lebendige
und Gottes Segen!
„Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie
entsteht sie in uns?
Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‘Ich
bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Als
Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch
in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um
sich herum nachdenkt.“ Albert Schweitzer, Urwaldarzt und Theologe
Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.
Andacht zur Jahreslosung 2007: „Gott spricht: ich will ein Neues
schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr´s denn nicht?“ Jesaja
43,19
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Unsere Jahreslosung ist ein lebendiges Wort Gottes hineingesprochen,
in eine Zeit großer Unruhe und eines radikalen, sozialen
Zusammenbruchs.
Die bis dahin bekannte Welt war auseinander gefallen. Und gerade dieser
Zusammenbruch ist es, der die Fantasie freisetzt. Im Jahr 587 v. Chr.
war
die Stadt Jerusalem zerstört worden, der Tempel niedergebrannt und die
Gewissheiten des Glaubens Israels waren nicht länger vorhanden. Viele
Israeliten
waren zutiefst verstört und in ein fernes, fremdes Land geführt worden.
Und nun, mitten im Exil meldet sich ein Dichter, ein Prophet zu Wort,
der
von Gottes Geist dazu ermächtigt ist. Seine Verse finden sich im
Jesaja-Buch,
Kapitel 40—55. Aus dem Mund dieses Propheten kommt Einspruch gegen die
Verzweiflung
des Zusammenbruchs. Er richtet die Herzen und den Pulsschlag seines
Volkes
aus auf eine neue Heimat, ein neues Shalom, ein neues Jerusalem, eine
neue
Zeit. Damals waren diese Worte erstaunlich, und sie sind es bis heute,
besonders
für Menschen in vergleichbaren Situationen. Neues macht zunächst
neugierig.
Und was neu ist, scheint auf den ersten Blick gut. Das gilt für neue
Besen,
die wörtlich gut kehren sollen. Das gilt allgemein für neues Werkzeug,
das
die Arbeit erleichtert. Das gilt für neue Freundschaften und manchen
anderen
Neuanfang. Das gilt für neue Kleidung: Pullover, Jacken, Anzüge - -doch
spätestens
hier taucht gelegentlich die Frage auf: Ist das Neue so gut wie das
Alte?
Stimmt die Qualität? Hält das Neue, das da kommt, was es verspricht?
Es gibt viele Menschen, die Angst vor Neuem haben. Sorge machen ihnen
neue Krisenmeldungen aus dem Unternehmen, in dem sie arbeiten. Viele
sind die ständigen Veränderungen leid und können darin keinen Sinn mehr
entdecken. Unruhig warten andere auf den Befund ihres Arztes und sind
glücklich, wenn es nichts Neues gibt. In der Tageszeitung schauen
manche zuerst nach den
Familiennachrichten — mit der leisen Hoffnung nichts Neues zu finden,
das
anzeigt: Der Kreis deiner Freunde und Bekannten wird kleiner.
Familiennachrichten
— mit der leisen Hoffnung nichts Neues zu finden, das anzeigt: Der
Kreis
deiner Freunde und Bekannten wird kleiner. Wer recht fest gefügte
Vorstellungen
vom Leben hat, und wessen Lebensgefühl sehr stark von der Vergangenheit
geprägt
ist, der scheut sich vor dem Neuen und vor allem Wandel. Es gibt
Situationen,
in denen Menschen meinen, nur noch die Wahl zu haben zwischen einer
nostalgischen Erinnerung an einen Glauben, den es so nicht mehr gibt,
oder der Verzweiflung, dass es schier unmöglich erscheint, überhaupt
noch glauben zu können. Die Sehnsucht nach der guten alten Zeit hindert
oft daran, etwas Neues auszuprobieren. Deshalb stehen wir uns manchmal
selbst im Weg mit unserem Erfahrungswissen und mit unserer Skepsis, ob
das Neue wirklich gelingen kann. Neues löst
in unseren Zeiten gemischte Gefühle aus. Je tiefer die Veränderungen
gehen, mit denen wir konfrontiert sind, umso größer wird die Angst vor
Neuem. Trotzdem will Gott Neues schaffen. Oder genauer: Deswegen will
Gott Neues schaffen. Das Alte hat in die Gefangenschaft geführt. Das
Alte hat die Menschen gelähmt und ihnen keine Kraft mehr zu Träumen und
Visionen gegeben. Vor diesem
Hintergrund redet der Prophet Jesaja.
Gerade da, wo Menschen es nicht für möglich halten, etwas Neues
wahrnehmen zu können, löst der Prophet die Umklammerung eines nach
rückwärts gewandten Blicks: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet
nicht auf das Vorige!
Denn siehe ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt
ihr‘s
denn nicht?“ (Jesaja 43,18-19). Das Wörtchen „siehe“ will unseren Blick
im wahrsten Sinn des Wortes auf etwas Besonderes lenken. Hinsehen
sollen
wir, die Augen weit öffnen für Gottes Handeln in unserem Leben und in
dieser
Welt. Es könnte uns geschenkt werden, dass wir hinter den Dingen, die
wir
vordergründig mit unseren Augen wahrnehmen, etwas erahnen von Gottes
Gegenwart.
Er sagt nicht, was es ist. Aber er vertraut auf unseren Durchblick,
dass
wir an Gottes Wirken glauben, dass Gott in uns Etwas wachsen lassen
will,
unabhängig ob wir jung oder alt sind. Es wächst, wenn wir es zulassen.
Es
geschieht immer wieder, dass Hoffnung wächst, Zuversicht und Vertrauen
zunehmen.
Die neue Hoffnung, die Gott schafft, stärkt unsere Träume und Visionen,
dass mit Gottes Hilfe einmal alle Erfahrungen des Mangels und der
Erschöpfung
überwunden werden. Dieses Neue wächst gegen die Leben zerstörenden
Mächte
und gegen die Zukunftsangst. Ich wünsche uns allen einen mutigen,
angstbefreiten
Blick nach vorn, offen für das, was Gott in unserem persönlichen Leben,
aber auch im Leben unserer Kirche und Gesellschaft Neues wachsen lassen
will.
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2007
alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen!
„Träumt einer allein, ist es nur ein Traum.
Träumen viele gemeinsam, ist es der Anfang von etwas Neuem.“
Weisheit aus Brasilien
Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.
Andacht zur Jahreslosung 2006: „Gott spricht: ich lasse dich
nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Jos 1,5b.
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Als Gott diese Worte dem Josua zugesprochen hat, da stand der
Nachfolger des Moses auf der Schwelle ins Ungewisse, auf der Schwelle
zum gelobten
Land. Unsicher war die Zukunft für ihn und die Seinen. Wir fragen uns:
Was kommt auf uns zu? Wird es besser werden als bisher? Wird es
schlechter werden? Es sind Fragen vor dem Weitergehen. Was denken heute
Menschen bei diesem Zuspruch Gottes: „Ich lasse dich nicht fallen und
verlasse dich
nicht?“
Viele Spötter unserer Zeit meinen: diese Worte sind in einer Welt, die
keine Sicherheit kennt, eine Vertröstung der Frommen. Sicher haben
Menschen in verschiedenen Lebenslagen unterschiedliche Erfahrungen
gemacht mit und ohne Gott. Manche haben sich bei Schicksalsschlägen,
Krankheiten etc. von Gott verlassen gefühlt, andere haben Glück im
Unglück gehabt und sind bewahrt worden vor dem Unheil eines
Lebenssturzes.
Was auch bleibt ist oft die Angst, dass etwas schlimmes
Unvorhersehbares wieder passieren könnte. Nicht immer hat ein Mensch
selbst Kraft nach einem gewichtigen Sturz wieder aufzustehen.
Lebensstürze passieren im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben.
Ich denke z. B. an die vielen Menschen, die bisher durch das soziale
Netz gerutscht und gefallen sind. Wie viele
haben keine ausreichende eigene Kraft, um wieder auf die Beine zu
kommen?
Auch ihnen und ihnen sogar ganz besonders gilt die Zusage Gottes: „Ich
lasse
Dich nicht fallen!“
Wie viele Menschen treten immer wieder zur Seite, wenn sie jemandem
begegnen, der gefallen oder gestrauchelt und dabei eben in der Gosse
gelandet ist? Ob er daran selbst oder völlig unschuldig ist, spielt
dabei oft keine oder eine untergeordnete Rolle. Das herzlose Verhalten
gegenüber einem Gefallenen wird in einem Sprichwort so ausgedrückt:
„Wer den Schaden hat, der braucht für den Spott nicht zu sorgen!“
Wie schnell lassen wir Menschen einfach jemanden fallen. Da wird in
Familien nicht mehr miteinander geredet, weil ein Wort das andere
gegeben hat, und da wird das Kind, das man groß gezogen hat, einfach
fallen gelassen. Da
verstehen Ehepartner einander nicht mehr, weil der eine den anderen
enttäuscht
hat, und er wird einfach fallen gelassen. Da sind Geschwister
zerstritten
ten, weil der Eine schon im Voraus wahrscheinlich mehr vom künftigen
Erbe abbekommen hat, als der Andere. Da werden Menschen, die in Ihrem
Job
den Anforderungen nicht gerecht wurden, einfach fallen gelassen. Wie
viel
Schmerzen und Leid fügen Menschen einander zu? Wie oft werden Eltern,
Geschwister, Kinder, Freunde, Bekannte, Kollegen einfach fallen
gelassen?
Wie gut ist es, dass Gott das Gegenteil tut. Wir müssen uns ihm
ausliefern.
Wir sollen nicht auf unsere eigene Kraft bauen und immer wieder darauf
hoffen, dass diese Welt und die Menschen dieser Welt zu uns gerecht
sind. In solche Ungewissheit der persönlichen Situation und
gesellschaftlichen Krise hinein spricht Gott sein Wort: „Ich lasse dich
nicht fallen und verlasse dich nicht.“
Mir fällt hier ein Wort des Hamburger Pastoren Helge Adolphsen ein, der
die Menschen einmal so beschrieben hat: Es gibt „Wenn-Menschen“ und es
gibt „Wie-Menschen“. Der „Wenn-Mensch“ sagt: Wenn ich vorher wüsste,
wie es ausgeht, ja dann… Der “Wenn-Mensch“ ist furchtsam und braucht
Sicherheit.
Der „Wie-Mensch“ aber geht mutig auf die Aufgaben seines Lebens zu und
fragt: „Wie kann ich das Problem lösen?“ Mit dem Wort aus Josua 1,5b
können wir tatkräftige “Wie-Menschen“ werden.
Im Vertrauen auf Gottes Wort mögen wir vorangehen von Raum zu Raum, von
Zeit zu Zeit. Mögen wir mit Gottes Hilfe zu „Wie-Menschen“ werden, denn
der Name Gottes, wie er sich im Dornbusch Moses offenbart hat, lautet
so: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Mose 3,14) und das heißt für
uns: „Ich
verlasse dich nicht — ich bin für dich da.“
Das ist die gute Zusage, die Gott uns als unser Wegbegleiter gibt. Wenn
wir scheinbar von allen verlassen sind, wenn sich die, denen wir am
meisten vertraut haben, abwenden, wenn wir uns ganz allein fühlen, dann
ist Gott immer noch für uns da. Das ist wunderbar. Hoffentlich werden
wir die Wegweisung Gottes und seine schützende Nähe immer wieder
erfahren können!
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2006
alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen.
„Von Gott will ich nicht lassen, denn er
lässt nicht von mir, führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte
sehr.
Er reicht mir seine Hand, den Abend und den Morgen tut er mich wohl
versorgen, wo ich auch sei im Land.“ Ludwig Helmbold 1563; Lied 365,1
Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.
Andacht zur Jahreslosung 2005: „Ich habe für dich gebeten, dass
dein Glaube nicht aufhöre“ Lukas 22,32.
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Die Jahreslosung für das Jahr 2005 stammt aus einem turbulenten Kapitel
des Lukas-Evangeliums. Dort zeichnet der Evangelist ein schonungsloses
und realistisches Bild von den Jüngerinnen und Jüngern Jesu und von der
Kirche. Kaum sind zwei oder drei in Jesu Namen versammelt, wird auch
schon
um Macht und Positionen, um Ord-nungen und Hierarchien gestritten. Es
ist
ein Bild, das frappierende Ähnlichkeiten zu manchen gesellschaftlichen
und kirchlichen Vorgängen heute hat. Jesus versucht, Petrus auf eine
solche
Situation vorzubereiten. Unsere Jah-reslosung ist ein Wort, das Jesus
vor
dem Abschied an Petrus richtet. Jesu Wort steht in einem dramatischen
Zu-sammenhang.
Die Jünger sitzen mit Jesus beim letzten Abendmahl. Nach der
Ankündigung
seines baldigen Todes und des Verrats streiten sie über ihr eigenes
Ansehen
und ihre Größe. Denen, die dienen und in Anfechtungen aus-harren
können,
sagt Jesus die ewige Gemeinschaft mit Gott zu. Dann fällt das Wort:
„Ich
habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ Petrus bezieht
daraus
Stärke und Mut bis hin zu der übermütigen Äusserung: „Ich bin bereit,
mit
dir zu sterben“, verspricht er seinem Herrn. Und der prophezeit ihm
daraufhin
die dreimalige Verleugnung, noch bevor der Hahn kräht. Das Drama der
letzten
Nacht nimmt seinen Lauf: Im Garten Gethsemane schläft Petrus ein und
später
verleugnet er seinen Herrn dreimal. Wie steht es mit unserem Glauben?
Bekennen
wir uns immer zu unserem Herrn? Wird unser Glaube zu Ende sein, wenn
wir
unseren Herrn verleugnen?
Ich meine, viele, die sich Christen nennen, werden Jesus auch in diesem
Jahr wieder verleugnen, weil sie lieber herrschen, statt zu dienen,
weil sie auf ihr Ansehen bedacht sind, statt auf das Ansehen derer, die
keiner sieht, weil sie gerne Kompromisse suchen, wo sie eindeutig
Position zeigen müssten, weil sie manches als schicksalhaft hin-nehmen,
wogegen wir uns
empören und auflehnen müssten. Aber Jesus hat gebeten, dass unser
Glaube
trotz alles Versagens nicht aufhöre. Ist es nicht gut, zu wissen, dass
Jesus an uns denkt, gerade auch im Gebet? Die Jahreslo-sung
erinnert uns
daran, dass Jesus Christus für uns betet und dabei an die Krisen denkt,
die wir uns im Vorhinein noch nicht einmal vorstellen können. Kein
Mensch
weiss im voraus, wie stabil sein Glaube sein wird, wenn ihn ein Unglück
trifft, und er an Gott verzweifelt.
Können Sie sich vorstellen, dass Sie in eine Situation geraten, in der
Ihr Glauben schwindet, ja verschwindet?
Wir wünschen uns das alle nicht. Dennoch wissen wir: Glaube kann ins
Wanken geraten, schwächer werden, auf-hören, verlorengehen, und
eingehen. Das kann vielerlei Gründe haben: Das kann eine Folge der
geistigen Umwelt sein, die so sehr von der Wissenschaft und der Technik
bestimmt ist, dass Gott darin keinen Platz mehr zu haben scheint. Viele
Menschen leben, als wenn es Gott nicht gäbe. Es scheint auch ohne Gott
im Leben gut zu gehen. Der Glaube kann in Frage gestellt werden durch
Erfahrungen im eigenen Leben, im Leben der Menschen und der Welt.
Schicksalsschläge, Krankheit, Not, Katastrophen, Leid und Tod lassen
fragen: Gibt es überhaupt einen Gott? Manche Fragen bleiben
unbeantwortet und Glaubenszweifel werden nicht überwunden. Der Glaube
ist oft wie eine zarte Pflanze, die eingehen kann, wenn sie nicht
gepflegt wird. Deshalb bedarf unser Glaube der Stärkung. Und
schließlich kann der Glaube angefochten werden durch manches, das wir
in der Kirche erleben:
Unzulänglichkeit, ja auch Sünde und Schuld der Menschen. Wo immer auch
die Quellen für die Anfechtung im Glauben liegen: Der Glaube bedarf der
Stärkung. Jesus betet für Petrus, dass sein Glaube nicht auf höre. Vom
Gebet des Herrn für seine Jünger geht Stärkung im Glauben aus. Kein
Mensch
verfügt über den Glauben, er ist und bleibt ein Geschenk Gottes und
will
erbeten sein. Deshalb ist der Blick auf Jesus so wichtig: Jesus
verlangt
nichts ab, wenn er sieht, dass jemand alle Kraft verliert, und von
Angst,
von Schuldgefühlen, von Hass beherrscht wird. Jesus ap-pelliert nicht,
er
gibt keine Ratschläge, sondern er tut selbst etwas: Er bittet Gott,
dass
der Glaube nicht aufhört. Es geht also trotz aller guten Vorsätze
darum,
sich nicht in erster Linie auf sich selbst zu verlassen. Es geht in
Glau-bensdingen
nicht in erster Linie darum, wozu ich in der Lage bin. Es kommt darauf
an,
auf den zu sehen, der für uns eintritt, wenn wir Schwäche zeigen.
Darauf
weist uns unsere Jahreslosung hin.
Sie begleitet uns an den schönen wie an den schwierigen Tagen. Sie
erinnert uns an Jesu Fürbitte, die uns aufrich-ten kann, wenn wir es
nötig haben.
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2005
alles Gute, vor allem Gesundheit, einen fröhlichen Glauben und Gottes
Segen.
Der Glaube ist der Vogel, der singt, wenn
die Nacht noch dunkel ist.“
Rabindranath
Tagore
Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.
Andacht zur Jahreslosung 2004: „Himmel und Erde werden vergehen,
aber meine Worte werden nicht vergehen“ Markus 13,31.
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Dieser Satz aus der Endzeitrede Jesu im 13. Kapitel des
Markusevangeliums wirkt zunächst verunsichernd und löst in uns Fragen
aus: Was hat denn eigentlich noch Bestand, wenn scheinbar alles der
Vergänglichkeit ausgeliefert ist? Was wir für ewig halten, wird
einmal aufhören, zu existieren? Forscher haben berechnet, dass in 12
Milliarden Jahren die Sonne verglüht, weil ihr Wasserstoffhaushalt
aufgebraucht sein wird. Spätestens dann also wird unser blauer Planet
Erde ein Ende haben. Aber was uns noch mehr berührt, ist der Gedanke an
die eigene Vergänglichkeit: Wir selber werden vergehen. Und dann sind
da die atemberaubenden Entwicklungen von Massen-vernichtungswaffen und
die zerstörerischen Mächte, die die Zukunft bedrohen. Die Angst vor
nicht mehr kon-trolierbaren Konflikten ist berechtigt. Denn der
Weltuntergang, die Zerstörung unserer Erde durch Krieg und technische
Katastrophen, ist vorstellbar geworden. Wozu Menschen fähig sind,
wissen wir, wobei in den letzten Jahr-zehnten das Ausmaß der
zerstörerischen Fähigkeiten gewachsen ist. Teile dieser Erde, wie die
Gegend um Tschernobyl, sind durch menschliche Schuld bereits
unbewohnbar geworden. Der irdische Himmel über uns ist ebenfalls durch
menschliche Einwirkung für gefährliche Strahlung durchlässiger geworden
als früher. Unsere be-wohnte Welt aus Himmel und Erde ist viel
angreifbarer und zerbrechlicher, als manche Menschen sich das
vorstellen können oder wollen. Als die Verse vom Evangelisten Markus
niedergeschrieben wurden, hatte das jüdische Volk in Jerusalem gerade
eine Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß erlebt: Die Römer hatten
unter Kaiser Titus die Stadt erobert,
den Tempel zerstört und viele Heiligtümer entwendet. Die Juden wurden
vertrieben und zerstreuten sich. Unter diesem Eindruck sahen einige
christliche
Gruppierungen das Ende der Welt gekommen. Sie glaubten, Tag und Stunde
zu kennen und sahen wie gelähmt den nahenden Weltuntergang auf sich
zukommen.
Gegen eine Stimmung von Resignation und Angst setzt der Evangelist das
Wort Jesu. „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden
nicht
vergehen“. Die Jahreslosung aus dem Markusevangelium will uns uns in
einer
Zeit von Verunsicherung und Ungewissheit trösten. In unserer
Gesellschaft
und in den Kirchen ist vieles im Umbruch und oft wird von vielen die
Frage
gestellt: Worauf ist denn eigentlich Verlass? Wie werden die
an-stehenden
politischen Reformen in unserem Land unser Leben verändern? Die
Reformen
betreffen Einzelne und haben generelle Auswirkungen: Nullrunden,
Kürzungen,
Streichungen, die Nichtbesetzung von Stellen, der Verkauf von
Kirchengebäuden,
die nicht mehr haltbar sind. Innerhalb der Kirchen wird darüber
diskutiert:
Wie können wir trotz Kürzungen unsere Arbeit weiterführen wie bisher
mit
dem Ziel, das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen, und die Liebe
Gottes
ausnahmslos in einer Gemeinschaft von Schwachen und Starken zu
verwirklichen?
Kann uns da die Jahreslosung zu Zuversicht anregen? Ich denke: Was auch
immer geschieht, auch wenn sich der Zustand der Welt immer weiter
verschlimmert:
Die Zusage Gottes, dass er uns liebt und erhält, bleibt bestehen. Noch
leben
wir in einem der reichsten Länder der Erde. Wir müssen nicht ängstlich
resignieren. Wir können unsere Ideen und Gaben einbringen, um die Welt
menschlicher
zu gestalten, die Solidarität der Starken mit den Schwachen zu
erhalten.
Jesu Worte sind unsere Wegbegleiter und zugleich die Verheissung, dass
unsere Welt, wir alle auf den Gott zugehen, der uns in seinem Sohn
seine
unvergänglichen Worte anvertraut hat. Jesu Worte sind Worte der
Verheißung.
Warum werden sie nicht vergehen? Weil Jesus selbst „das Wort ist, von
dem
es am Beginn des Johannes-Evangeliums heißt: „Im Anfang war das Wort,
und
das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott... Und das Wort ist
Fleisch
geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1,1.14). Gott selbst ist in der
Mensch-werdung seines Sohnes in unsere menschliche Geschichte
eingetreten
und macht sie dadurch zur Heilsgeschichte. Unsere Zeit und unsere Welt
gehen nicht einem Ende, sondern der Vollendung entgegen. Das Ende hat
einen Na-men und ein Gesicht. Am Ende steht der wiederkommende
Herr Jesus
Christus. Wir gehen Ihm entgegen, der alles vollendet. Matthias
Claudius
hat es mal treffend so ausgedrückt, wie die Welt vergeht und Gott alles
in sei-nen Händen hält: „Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine
Zeit,
und alle Welt vergeht wie ihre Herrlichkeit. Es ist nur einer ewig und
an allen Enden und wir in seinen Händen".
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2004
alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen.
„Lasset uns der Welt antworten, wenn sie
uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt!.“
Gustav Heinemann, 1950.
Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.
Andacht über die Jahreslosung 2003: ”Ein Mensch sieht, was
vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“ (1.Samuel 16,4).
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Der weltberühmte Psychotherapeut C. G. Jung (1875-1961) zitierte
gelegentlich einen Indianer, der sich über die Weißen geäußert hatte:
"Schau bloß, wie grausam die Weißen aussehen! Ihre Lippen sind dünn,
ihre
Gesichter voller Falten, gefurcht, verzerrt. Sie haben starre Augen,
suchen
immer etwas. Was suchen sie bloß? Sie sind rat- und ruhelos. Wir wissen
nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht..." Jung fragte ihn,
warum
er denn meine, die Weißen seien alle ruhelos? Da entgegnete der
Indianer:
"Sie denken mit dem Kopf, hast du gesagt. Das verste-hen wir nicht!" Wo
er - der Indianer - denn denke, wollte der Psychotherapeut wissen. "Wir
denken hier!" sagte er - und deutete auf sein Herz. Jung versank in
langes
Nachsinnen.- Auch ich bin zum Nachdenken gekommen:
Wie sehen Menschen einander an, wenn sie sich eine Meinung vom anderen
bilden wollen? Worauf achten wir eigentlich, wenn wir einander
anschauen? Und wer möchte schon von einem anderen durchschaut werden?
Wie oft schauen wir verschlossen aus und verziehen keine Miene. Wir
lieben das Rollenspiel, setzen uns gern in Szene, machen anderen etwas
vor. Wir fürchten, wir
könnten auf die Seite der Verlierer geraten, wenn unsere Schwächen
sichtbar
werden. Darum zählen in der Gesellschaft gutes Aussehen, schicke
Kleidung,
Beredsamkeit, Witz, Schlagfertigkeit. Wer das besitzt, hat die besten
Chancen zu einem gelingenden Leben — so denken viele. Auch der Prophet
Samuel ging von dieser Voraussetzung aus. Er sollte einen neuen König
für Israel salben. Unsere Jah-reslosung ist im Zusammenhang mit
der Geschichte
über die Erwählung Davids zu verstehen. Samuel wird von Gott
beauftragt,
einen Sohn Isais als Nachfolger für König Saul zu salben. Dabei soll er
nicht auf Aussehen und Gestalt achten: nicht auf mediengerechtes
Auftreten,
gefälliges Gehabe, die Gabe, sich verkaufen oder Mehrheiten schaffen zu
können — Eigenschaften, die Menschen etwa bei der Wahl ihrer Politiker
berücksichtigen. Samuel erhält einen anderen Maßstab: „Ein Mensch
sieht,
was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“.
Deshalb salbt er nicht die sieben Sohne Isais, die ihm zuerst
vorgestellt werden, sondern David. Gott hat diesen erwählt, den jungen
Mann, von dem er weiß: Er hat das rechte Herz. Im Hebräischen hat das
Wort "Herz" mit "Verstand" zu tun. 1.Samuel 16,4 bedeutet auch: Gott
sieht das, was Menschen wollen, wünschen, hoffen. Andere haben diesem
Bibelwort einen ganz anderen Klang gegeben: "Sei vorsichtig, was Du Dir
für Gedanken machst: Gott sieht alles". Dazu folgende Geschichte: „In
einer norddeutschen Stadt lebte
vor Jahren ein Pastor, der als Seelsorger sehr beliebt und als Redner
überaus begabt war. Dieser Mann hatte ein interessantes Hobby: er
züchtete Hühner. Eines Morgens waren alle Hühner aus dem Hühnerstall
verschwunden, gestohlen. Die Diebe hatten ein Schild
zurückgelassen mit einer Aufschrift, die bald die Runde machte: "Der
liebe Gott ist überall und sieht alles, aber er verpetzt uns nicht!“
Dieser Spottvers macht sich lustig über die weit verbreitete
Vorstellung, dass Gott überall ist und mit aufmerksamen Augen alles
sieht und registriert, was die Menschen treiben. Er sieht, wenn jemand
sündigt und führt auch so etwas wie eine Strichliste. Der "liebe" Gott
ist sozusagen im erzieherischen Einsatz . Vielleicht haben die
Hühnerdiebe in ihrer Kindheit Gott nur so verzerrt kennen gelernt,
nämlich als jemanden, mit dem man drohen kann, weil er allgegenwärtig
ist und alles sieht. Ich denke, Gott wurde oft früher
benutzt, um Kinder so gefügig zu machen. Es scheint überflüssig,
hinzuzufügen,
dass das Zerr-Bild eines zornigen, strafenden, gewalttä-tigen Gottes
zurückblieb,
vor dem letzt endlich kein Mensch bestehen kann. Dieser Gott, der uns
durchschaut
bis zu den letzten Fasern unserer Hoffnung und in alle Winkel der
Verzweiflung, stellt uns aber nicht bloß. Er sieht und kennt uns eher
wie ein liebender Vater und eine behutsame Mutter. Vertrauensperson vom
Anfang bis zum Ende will er uns sein. Vor ihm muss keiner fliehen -
aber zu ihm darf jeder
fliehen- mit aller Freude und auch mit aller Last, die sich aufs Herz
legt.
Zu ihm dürfen wir fliehen, weil Gott es gut mit uns meint. Wie also die
Men-schen die Augen benutzen, um einen Menschen zu sehen, so bedient
sich
Gott seines Herzens, um Menschen an zu sehen. Gott schaut mit seinem
Herz
in das Herz eines Menschen. Wenn Gott in unser Herz sieht, können wir
übri-gens
auch selbst lernen, mit dem Herzen zu sehen. Menschen, die lernen, auf
ihr Herz zu hören und mit ihm zu reden, können auch dann mit dem Herzen
sehen und werden klug und weise. König Salomo erbat sich von Gott ein
weises
Herz. Läge darin nicht auch unsere Berufung für uns als Kinder Gottes,
wenn wir Gott den wichtigsten Platz in unserem Herzen geben und dann
fähig
werden, mit Gottes Augen die Welt zu sehen? Gott will, dass wir mit
anderen
offen und achtsam umzugehen und sie keinesfalls festnageln auf das, was
sie sind. Überraschungen - im Guten, wie allerdings auch im
Schlechten
- sind immer drin. Für Gott ist es nie zu spät, einem Menschen einen
Neuanfang
zu ermöglichen. Die Biographie des Paulus zeigt uns, wie aus einem
Christenverfolger
ein Sendbote Jesu werden kann. Es ist gut, darauf zu vertrauen, dass
Gott
weiss, wie wir wirklich sind und was er mit uns noch vorhat. Das
Wort
des Propheten Samuel ermutigt jeden, sich der Wahrheit seines Lebens zu
stellen und stets Klar-heit walten zu lassen. Wer sich den Blick Gottes
auf die Innen-, statt auf die Außenseite seines Lebens - auf Kopf, Herz
und Seele gefallen lässt, spürt die Gnade und Liebe Gottes,
die uns neue Kraft gibt zum Leben, so dass wir mit einem
erneuerten Herzen, mit gestärktem Glauben, mit froher Hoffnung und
tatkräfiger Liebe zur Ehre Gottes und zum Wohle unserer Mitmenschen
beitragen.
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2003
alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen!
„ Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“
Antoine de Saint - Exupéry
Herzlichst
Norbert Müller,
Pfarrer
Andacht über die Jahreslosung 2002: ”Ja, Gott ist meine Rettung;
ihm will ich vertrauen und niemals verzagen” (Jesaja 12,2).
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Das Wort der Jahreslosung stammt aus dem Danklied der Geretteten
beim Propheten Jesaja (8.Jh. v. Chr.), und es bringt die Erfahrungen
vieler Generationen mit dem Gott Israels zum Ausdruck. Es ist ein Lied
über Gottes Hilfe für sein Volk, das zu jener Zeit durch das assyrische
Großreich bedroht war. Worauf sollte man sich noch verlas-sen, wenn zu
zerbrechen schien, was früher Halt gab? Die Menschen zur Zeit Jesajas
hatten wenig Anlass zu Op-timismus: Welche Erfahrungen hatten denn sie
gemacht? Vom Volk, das im Finstern wandelt, spricht der Prophet und
klagt
an, dass viele Israeliten die Taten Gottes (wie die Befreiung aus
Ägypten)
vergessen haben. Religion, Heimat, Traditionen, Werte, Nächstenliebe,
die Ehrfurcht vor Gott haben nicht mehr den Stellenwert wie früher, die
Altäre werden zerstört, die eigene Identität geht verloren. Wovon hätte
man da noch singen sollen? Sieht unse-re Welt so wesentlich anders aus?
-
In diese Situation hinein erklingt die Vision (Jesaja 9,1-6) von
dem großen Licht, das aufgeht über die, die da wohnen im finsteren
Lande:
Ein Kind ist uns geboren, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
Gott rettet durch ein Kind. Gottes Rettungsaktion beginnt so
unscheinbar,
wie das Leben eines Kindes ist. Da wo ein Baby die Eltern und
Großeltern
anstrahlt, wo Menschen Liebe erfahren, wo einem Hungernden geholfen
wird,
da ist Gott gegenwärtig. Wer Gottes Nähe erfährt, stimmt in das
"Danklied
der Geretteten" ein: "Gott ist mein Heil, die Freude meines Lebens. Der
Prophet singt dieses Danklied:´“ Gott rettet“. Hinter diesem alten
Danklied
steht das Wissen, dass Heil, Hilfe und Befreiung in der je und je
erfahrenen
Nähe Gottes liegen. Können wir in dieses Danklied mit einstimmen? Wo
haben
wir in unserem Leben das Handeln Gottes gespürt? Gab es Zeiten,
Ereignis-se,
Momente in Kindheit und Jugend, unter Krieg und Flucht, in unseren
bestehenden
oder verlorenen Beziehun-gen der Liebe, innerhalb der beruflichen
Erfüllungen und Versagungen, in Krankheit und Not, wo Gott nicht über
uns Flügel und seine schützende Hand gebreitet hat? Hat sich nicht oft
erst später herausgestellt, wie Gott sich um uns gesorgt hat und
weiterhin sorgt? Wo wir lernen, Gott zu danken für das Leben, das er
uns geschenkt hat, da tun wir es im Namen Jesu. Das hebräische Wort für
Rettung erinnert an Josua, und es taucht im Namen „Jesus“ wie-der auf.
Er ist der Retter, seine Liebe die Ankerkette, von der uns nichts
trennen kann. Der hebräische Name „Je-sus“ bedeutet auf deutsch: „Gott
rettet“ und macht deutlich, dass es Gottes Wille ist, dass „allen
Menschen gehol-fen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“
(1. Timotheusbrief 2,4). Gottes Hilfe wird da erfahrbar, wo Menschen,
die zwischen Angst und Vertrauen hin und herschwanken, sich für das
Vertrauen auf Gott ent-scheiden. In der folgenden Erzählung wird
deutlich, was eine Vertrauensentscheidung ist: „Auf einer alten, halb
verfallenen Mauer krabbeln zwei Jungs. Vier und fünf Jahre als sind
sie. Die Eltern haben es verboten. Aber das macht es ja reizvoll. Sie
klettern, spucken in die Tiefe, werfen Steine in den Hinterhof - sie
tun eben alles, was Jungs in so einem Fall tun. Sie sind gleich tapfer
und gleich mutig. Sie sind sich überhaupt sehr ähnlich. Könnten
Zwillinge sein. Und manche Nachbarn reden immer nur von "den beiden",
selten von einem alleine. Es passiert, als sie wieder auf der Mauer
sind, da bricht ein Teil der Mauer zusammen. Sie können weder vor
noch zurück. Etwas kleinlaut sind sie. Immer ängstlicher. ein Mann
kommt, will ihnen helfen und ruft: "Springt, ich fange euch auf!"
Seltsam. Die beiden so ähnlichen Jungs verhalten sich ganz verschieden.
der eine springt sofort, der andere versucht es erst gar nicht. Er
kauert sich weinend oben zusammen und wartet auf die Feuerwehr. Frage:
Warum hat der eine Junge den Mut zum Sprung, der andere nicht? Die
Antwort ist eigentlich einfach: Der eine Junge springt, weil der Mann
unten sein Vater ist. Der andere Junge springt nicht, weil es eben
nicht sein Vater ist “
Wie ein Vater wartet Gott darauf, dass wir zu ihm Vertrauen fassen. An
Gott glauben" oder "auf Gott vertrauen" ist eine wichtige Entscheidung,
die ich mit einem Bild umschreiben möchte. Das Bild von einem Anker
verdeut-licht den Glauben eines Menschen, der sein Lebensschiff in Gott
festmachen möchte. Der Glaube an Gott ist wie „den Anker" auswerfen, um
in den Stürmen des Lebens „Halt, Kraft und Trost“ zu finden. Wir leben
von der Zu-sage, dass Gott uns schenken will, was wir brauchen: Glauben
und Gottvertrauen. Er schenkt uns den Heiligen Geist, diese unsichtbare
Verbindung zwischen Ihm und uns, so dass auch wir bereit und fähig
werden, zu erfahren und zu bekennen: "Ja, Gott ist meine Rettung; ihm
will ich vertrauen und niemals verzagen." Dieser Satz hat seit Jesus
eine ganz neue Dimension bekommen. Das Leben
aus dem Vertrauen an den einen Retter, der es immer und unter allen
Unständen gut mit uns meint , führt zur Bejahung des Lebens, zur
Bejahung der eigenen Person mit allen guten und schlechten Seiten, zur
Bejahung der Mitmenschen, zur Bejahung der Schöpfung und zur Bejahung
Gottes. Es gibt aber auch viele Erfahrungen in der Geschichte der
Menschheit und auch des eigenen Lebens, die Anlass sein könnten, zu
Gott und zum Mitmenschen Nein zu sagen. Unbegreifliche
Schicksalsschläge, unsagbares Leid, schwere Krankheiten und Not sowie
schlimme menschliche Enttäuschungen und Verletzungen können die Quellen
sein, dass Menschen sich existentiell so bedrängt fühlen, dass sie
glauben nicht anders zu können, als mit einem lauten Nein gegenüber
Gott und den Menschen zu
protestieren und vielleicht sogar gegen sich selbst. Doch auch noch in
diesem
Nein äußert sich die Entrüstung des Menschen, der sich nicht mit dem
Bösen
und den ver-neinenden, lebenszerstörenden Kräften in dieser Welt
abfinden
will. Am liebsten möchte jeder Mensch „Ja“ sagen können und an die
Rettung
durch Gott glauben. Wenn der Mensch aufhört, sich selbst zur letzten
Instanz
und Per-spektive zu machen, findet er zu mehr Gelassenheit und zu der
Erkenntnis,
dass er beschenkt ist und alles , was sein Leben ausmacht, nicht selbst
verdienen muss. Kein Mensch gewinnt sein Leben dadurch, dass er immer
mehr
leistet. Es entsteht vielmehr immer neue Unzufriedenheit, wenn Menschen
sich ständig rechtfertigen müssen, weil sie immer neuen Ansprüchen zu
genügen haben. Der Mensch, der nur noch an sich denkt, gerät in die
Isolation. Der christliche Glaube befreit, indem er den Menschen auf
die Zusage hinweist,
dass Gott uns behütet und be-wahrt. Heinrich Böll hat recht, wenn er
sagt:
„Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten
heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für
die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke,
Alte und Schwache,
und noch mehr als Raum gab es für sie: die Liebe.“ Die
Men-schenfreundlichkeit
Gottes leuchtet da auf, wo Menschen aus der frohen Botschaft der Bibel
Glauben
schöpfen und sich in ihrem Denken und Handeln davon bestimmen lassen,
daß
jeder Mensch als Ebenbild Gottes unzerstör-bare Würde besitzt. In jeder
menschlichen Person einen von Gott geliebten Menschen zu sehen, macht
uns
be-wusst, dass das Menschsein als Geschenk zu verstehen ist. Und die
Bestimmung
des Menschen ist es, Gott zu er-kennen, denn durch Gotteserkenntnis ist
Selbsterkenntnis möglich. Von Johannes Calvin, dem Schweizer
Refor-mator
ist der Satz überliefert: „Die beste Art, Gott für empfangene Wohltaten
zu preisen, ist, neue von ihm zu er-warten.“ Von Gott können wir mehr
erwarten
als von uns selbst, denn ER ist mit uns und ER kommt auf uns zu,
Zukunft
und Ziel unseres Lebens sind in seiner Hand. Eine kleine Geschichte aus
China will uns alle in unserem Gottvertrauen bestärken:
„ Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib
mir eine Lampe, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen
kann! Aber er antwortete: Gehe nur in die Dunkelheit und lege deine
Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als eine Lampe und sicherer als
ein bekannter Weg“.
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2002
alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen.
„ Die wesentlichen Dinge des Lebens kommen
nicht aus uns selbst, sondern auf uns zu.“