Jahreslosung 2011: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Römer 12,21

Liebe Freundinnen und Freunde  unserer Gemeinde!

Ist diese Losung nicht eine Herausforderung, der man heute wie damals fragend gegenüber steht: Wie soll das gehen? Es ist leichter gesagt als gelebt, eigene Fehler einzugestehen und gar Böses zuzugeben kostet Überwindung.  Was ist, wenn ich mit meinen Fehlern nicht geliebt werde? Wie sieht Gott mich an? Und was ist, wenn meine Kraft nicht reicht, das mir zugefügte Böse, zu vergeben und mit Gutem zu überwinden? Wie soll ich dem Menschen, der mich verleumdet, zu Unrecht anklagt; dem, der mich mit Worten und Taten verletzt; dem, der Gewalt gegen mich ausübt oder mir gar an das Leben will, wie soll ich dem Menschen, der sich nicht mal entschuldigen will, wie soll ich dem nicht nur vergeben, nicht nur seine Boshaftigkeit vergessen und Gras über die Sache wachsen lassen, sondern wie soll ich dem Gutes tun und lieben? Was sind  eigentlich die Maßstäbe von Gut und Böse? Alle Religionen sind sich in Fragen der Ethik erstaunlich einig. Die ethischen Maßstäbe mögen zwar in Bewegung geraten und in der Diskussion sein, aber dass es Gut und Böse gibt, daran ist doch kein Zweifel. Das Böse hat viele Gesichter. In der christlichen Tradition galt das Böse lange als etwas, das von außen in die Welt kommt, personifiziert in der Figur des Teufels. Das Böse wurde als etwas Übernatürliches gesehen, das die Menschen gewissermaßen wie eine Krankheit befällt und in seine Gewalt bringt. Die Menschen bringen das Böse nicht hervor, sie können nur davon beeinflusst sein. Deshalb hat Jesus uns im Vaterunser zu beten gelehrt: „Erlöse uns von dem Bösen.“ Es steht fest: Das Böse ist bedrohlich. Wir stellen uns das Böse nicht mehr in der Gestalt des Teufels vor. Aber wer oder was bringt dann den Menschen auf den teuflischen Gedanken, zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center zu steuern? Wir wissen um die Fehlbarkeit des Menschen. Wir spüren die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit unserer Existenz. Wir erleben unsere Gefährdung. Jede Tat beginnt im Kopf, oft lange Zeit vor Beginn ihrer Ausführung. Wenn wir ehrlich sind, so wissen wir alle um die dunkle Seite im Menschen. Wir erkennen, dass die Trennwand zwischen Gut und Böse sehr dünn ist. Der Geist des Bösen gewinnt Raum und Macht, wenn Menschen gewissenlos werden und nicht mehr darauf achten, wo die Würde des Menschen verletzt wird und mit Hass und Gewalt noch mehr Hass und Gewalt erzeugt werden.

Gegen das Böse und die Gewalt setzt Paulus das Gute und die Liebe. Liebe ist die einzige Macht, die das Böse bezwingen kann. Paulus schlägt eine aktive Haltung der Gewaltlosigkeit vor. Statt sich zu fügen, soll man versuchen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Wir  sollen als Christen verblüffende Wege wagen, anders reagieren als erwartet wird, ausbrechen aus dem Kreislauf der Vergeltung, kreative, ungewöhnliche Lösungen suchen, Möglichkeiten, an die wir zunächst vielleicht gar nicht denken. Es geht im Sinne des Gebots Jesu darum, den Feind zum Freund zu machen. Das ist die christliche Strategie im Umgang mit dem Bösen: Gottes Reich wird nicht erkämpft, es wird gesät und wächst, da wo Menschen sich den Teufelskreisen des Bösen verweigern und angesichts des Bösen Wege der Liebe und Wege zum Frieden suchen. Böses mit Gutem zu überwinden: das ist nun nicht nur eine Sache von Vernunft und Klugheit. Es ist vor allem eine Frage, ob wir Christen sind, ob die Liebe Gottes in uns wohnt, ob wir nach dem Gebot der Liebe leben. Wo die Liebe Gottes wohnt, kann das Böse keinen Platz mehr haben. Wo die Liebe wohnt, da ist Barmherzigkeit. Wo die Liebe wohnt, da vergibt man sich nichts, wenn man jemanden vergibt. Wer von der Liebe Gottes weiß, der kann seine Sorgen und Nöte auch der Güte Gottes anvertrauen. Wer von Gottes Gerechtigkeit weiß, der weiß auch, dass Gottes Mühlen langsam aber trefflich mahlen. Letzten Endes kann nur Gott selbst das Böse in aller Welt und in aller Form überwinden. Wir können aber unseren Teil dazu beitragen, indem nach Gottes Geboten leben. Wir können als Eltern unseren Kindern Vorbilder sein. Wir können auch unseren schwierigen Mitmenschen die Liebe Gottes vorleben. So können wir dazu beitragen, dass das Böse überwunden wird. Ich grüße Sie alle herzlichst mit allen guten Wünschen für 2011, vor allem Gesundheit, Freude am Leben und Gottes Segen!

Ein Rabbi wurde einmal gefragt: „Wer ist der mächtigste Mann?
Er antwortete: „Wer die Liebe seines Feindes gewinnt, ist der Mächtigste im ganzen Land!“

Herzlichst
Norbert Müller








Andacht zur Jahreslosung 2010: „Jesus Christus spricht: “Euer Herz er-schrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Joh 14,1)

Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Wenn Sie Ihr Leben oder das Leben allgemein mit einem Bild beschreiben sollten -‚ welches würden Sie nehmen? Ist das Leben wie eine Blumen-wiese, die zum Verweilen und zum Ausspannen in der Sonne einlädt? Oder wie ein steiniger Acker: harte Arbeit, die aber auch befriedigen kann? Oder wie eine Wüste: öde und leer, gefährlich, aber auch schön? Oder wie eine Fabrik, weil man dort im vorgegebenen Takt arbeiten und sich mühen muss? Oder wie eine Schule, in der Sie jeden Tag lernen? Oder ist das Leben wie ein endloses Laufen im Hamsterrad? Und was treibt uns eigentlich an: Ängste und Erwartungen, Sehnsucht nach Erfolg und Glück? Manches Bild wird Ihre Zustimmung finden. Manches ist flur Sie gewiss völlig falsch. Vielleicht schwanken Sie auch, je nach Lebenssi¬tuation und Stimmung, zwischen verschiedenen Bildern. Unsere Jahreslosung ist ein Abschiedswort Jesu an seine Jünger, mit dem er daran erinnert, dass das Leben eine Mitte hat, um die sich alles dreht. Viele Menschen haben bei ihrem Streben die Mitte gar nicht gesucht. Gerade in unserer Gesellschaft denken viele nur an sich und haben Gott und Jesus aus ihrem Denken und Tun verdrängt. Wenn jemand Glaubensfra¬gen stellt, dann ist nicht die Frage entscheidend, wer war Jesus Christus, sondern wer ist Jesus Christus und was bedeuten seine Worte? Die letzten Worte sind so etwas wie ein Vermächtnis. Sie gelten nicht nur für ein Jahr, sondern für das ganze Leben. Abschiedsworte haben ein besonderes Gewicht. Besonders intensiv ist der Abschied, wenn es auf die letzte Reise geht. Die Jünger sind erschrocken, als Jesus sagt, dass er gehen wird. „Das schaffen wir niemals allein! Ohne den Herrn ist alles sinnlos!“, sagen sie. Abschied macht Angst. Loslassen bedeutet Leiden. Die letzten Worte Jesu geben Trost und sind so kostbar wie ein wertvoller Schatz. Jesus macht deutlich, dass die Mitte des Lebens Gott ist und wer zur Mitte des Lebens gelangen will, braucht Glaube und Liebe. Auf dem Weg zu Gott geht Jesus den Jüngern und uns voran. Er bereitet den Weg gewissermaßen vor, so dass wir ihn alle gut gehen können. In seiner letzten Weisung betont er die Liebe für den Umgang im Mitei¬nander: „Dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander  habt.“ (Joh. 13,34+3 5). So beginnen die Abschiedsworte Jesu. Sie sind der Kern seines Vermäch¬tnisses. Alles, was wir tun oder uns vornehmen, soll von der Liebe bestimmt sein. Jesus kennt aber auch die Unwägbarkeiten des Lebens und weiss, was das menschliche Herz verunsichern und erschrecken kann. In unserer krisenhaften, von Globalisierung geprägten Zeit ist vieles nicht mehr kalkulierbarr. Arbeit und Wohlstand sind nicht mehr selbstverständ¬liche und sichere Güter. Die Gier des Menschen treibt zu immer grösserer Verschwendung der Ressourcen. Es ist erschreckend, wie mit dem Raub¬bau an der Natur und der Verteuerung der Lebenssmittel die natürlichen Lebensgrundlagen vieler Kleinbauern in Asien, Arika und Lateinamerika zunichte gemacht werden Katastrophenmeldungen wie z. B. aus Haiti haben uns gezeigt, wie schnell tausende von Menschen ihr Leben verlieren können und wie zerbrechlich die Natur ist. Wir wissen nicht, was auf uns zukommen wird. Aber ich bin gewiss, Gott kennt unsere Zukunft! Unsere Zeit, unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft stehen in Gottes Hand! Wie der Psalmbeter aus dem Glauben die Hoffnung gewinnt und spricht: „Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31, 15+16a), so will Gott uns durch die Worte Jesu aufrichten und unseren Glauben stärken, dass wir IHM mehr zutrauen als uns selbst. Gott reicht uns durch Jesus seine Hand und will nichts anderes als unser Vertrauen. Jesu Worte: „Glaubt an Gott und glaubt an mich,“ wollen uns sagen: Vertraut auf die Wege, die Gott mit uns gehen will. Wir haben allen Grund zum Vertrauen. Der Wegbereiter ist uns vorausgegangen. Das Vertrauen in Gottes Wege haben unzählige Christen in Vergangenheit und Gegenwart erlebt. Jesus ist auch unser Wegbegleiter.

Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2010 alles Gute, vor allem Gesundheit, Frieden, Gottes Segen und die Kraft, den Glauben an Gott und Jesus mit Liebe zu bezeugen!
„Von guten Mächten wunderbar geborgen,    erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Dietrich Bonhoeffer, 1906-1945

Herzlichst

Norbert Müller


Andacht zur Jahreslosung 2009:  „Jesus aber sagte: Was bei den Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich!“ (Lukas 18,27)


Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
„Wunder gibt es immer wieder“, behauptet ein alter Schlager. —
Aber es lässt sich nicht mit ihnen rechnen. Auf ein Wunder hin kalkulieren mag zwar in den vergangenen Jahren im Trend gelegen haben — aber solche Spekulationen führten allzu häufig in die Pleite. Börsencrashs, Banken und Firmeninsolvenzen, Produktionsstopps und Kurzar-beit sind die Nachwirkungen der Finanzkrise, die letztes Jahr spürbar wurde, weil Banken ohne Kontroll-mechanismen nach der Devise han-delten: „Gewinnmaximierung um jeden Preis“. „Nichts ist unmöglich“ lautet der Werbespruch eines großen japanischen Automobilherstellers, der auch nicht von der weltweiten Wirtschaftskrise verschont geblieben ist.
Um den Wohlstand zu mehren, kann-te man keine Grenzen und ließ Risi-ken außer acht. Sicher sind aus dem Wohlstand auch viele Wohltaten er-wachsen, die vielen Menschen ein relativ sorgenfreies Leben bereitet haben und unsere Freizeit und Le-bensqualität ermöglicht haben.

Aus den Krisen lernen wir: Wohlstand und Wohltaten sind zerbrechliche, vergängliche Güter. Wer sie be-wahren will, darf sie gerade nicht zum letzten Wert machen. Wettbewerb, Wachstum und Gewinn sind wirt-schaftliche In-strumente; eine verlässliche Lebens-gewissheit stiften sie nicht.
Aber was hilft es zu wissen, dass bei Gott mehr möglich ist, als bei den Menschen - wenn man sich dafür nichts kaufen kann?
Vielleicht ist es ja gerade dieses Denken, das von Jesus in Frage ge-stellt wird. Im Lukasevangelium geht unserem Losungswort die Begegnung Jesu mit einem reichen jungen Mann voraus. Sein Lebenswandel ist unta-delig. Er hält sich an die Gebote, liebt Gott und seine Nächsten. Nur bei der Frage nach seinem Reich-tum gibt er klein bei. Alles aufgeben - den Armen geben, um eines Schatzes im Himmel willen? Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, heißt es dann.

„Wer kann dann selig werden?“ — ist die ängstliche Frage der Jünger, nachdem sie diese Begegnung miter-lebt haben. Wer möchte den eigenen Reichtum loslassen? Wer würde denn ohne gesicherten Eigenbedarf alles abgeben?  Die ganze Ökonomie wür-de aus den Fugen gehen.
Nicht nur die Annehmlichkeiten des Wohlstands und die materielle Si-cherheit wären dahin. Auch das bis-herige Leben wäre entwertet. Die eigene Lebensleistung und die erworbenen Ansprüche – alles wäre dahin. Kein Wunder, dass den jungen Mann Trauer befällt. Er hatte andere nicht übervorteilt, er war nicht besessen von Gier — und dennoch spürt er mit großer Wehmut, wie sehr sein Leben und seine Vorstellungswelt von wirtschaftlichen Werten geprägt sind.
Hergeben, was einem lieb ist, das ist schwer. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr. Natürlich geht ein Kamel nicht durch ein Nadelöhr. Das Nadelöhr war die kleinste Pforte in den Mauern Jerusalems. Ein Kamel war dafür viel zu groß, abgesehen davon, dass es das gar nicht wollte. Das Wort Jesu ist zum geflügelten Wort geworden, wenn man etwas Unmögliches bildhaft benennen will. Durch Jesu Wort zeigt Gott uns die Enge unserer Vorstellungswelt und unsere Abhängigkeiten — und er führt uns heraus. Er schafft eine neue Perspektive, indem er deutlich macht: Reich ist derjenige, der erkennt, was er nicht kann und was er getrost Gott überlassen sollte. Gott macht so dem Menschen seine Grenzen bewusst, damit der Mensch Gott erkennt und ihm in seiner Größe Allmacht erweist. Hinsichtlich der menschlichen Grenzen formulierte Goethe es so: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschbare erforscht zu haben und das Unerforsch-liche ruhig zu verehren. Der Glaube ist nicht der Anfang sondern das Ende allen Wissens".
Die Jahreslosung 2009 passt auch gut zu dem reformatorischen Grundanliegen des Genfer Reformators Jo-hannes Calvin, dessen 500. Geburtstag wir am Sonntag, den 12. Juli um 18 Uhr  mit einer Gedenkfeier begehen wollen. Calvin hat herausgestellt: Wer anerkennt, dass er selbst nichts zu seiner Erlösung beizutragen vermag, sondern alles Gott verdankt, der hat Gott erkannt und gibt ihm dadurch die Ehre. Oder anders gesagt: Erst wenn wir Menschen Gott wirklich als Gott anerkannt haben, werden wir uns unserer Grenzen heilsam bewusst werden. Johannes Calvin lehrt uns, Gott ernst zu nehmen und auf seine Gnade zu hoffen.
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2009 alles Gute, vor allem Gesundheit, Frieden, Gottes Segen und die Kraft, zur Ehre Gottes zu wirken.

„Wir müssen unser ganzes Leben lang vorwärts kommen, und alles, was wir erreichet  haben, ist immer nur Anfang."

Genfer Reformator , Johannes Calvin, 1509-1564


Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.-






Andacht zur Jahreslosung 2008: „Jesus Christus spricht: Ich lebe, und ihr sollt auch leben!" (Johannes Evangelium 14, 19)


Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Es gibt viele Abschiedsmomente im Leben. Kindern fällt der Abschied von den Eltern und Großeltern schwer, wenn sie allein ein große Reise unterneh-men.Wenn jemand von seiner Frau und den Kindern Abschied nimmt, weil er in eine Krisenregion wie Afghanistan aufbrechen muss, dann mischen sich Ohnmacht und Sorge in den Abschied. In seinem bekannten Gedicht „Stufen“ beschreibt Hermann Hesse, wie der Mensch  im Laufe der Jahre Lebensabschnitte durchschreitet und dabei immer wieder neu Abschied nehmen muss:
„Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern  in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreis und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen. Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,mag lähmen-der Gewohnheit sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegen senden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden
...Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“
Abschiednehmen –das ist nicht einfach. Besonders, wenn alle fühlen, dass dies ein Abschied für immer sein könnte. Um den Abschiedsschmerz zu mildern, gab
der  Dichter Theodor Fontane folgenden Rat:  "Abschiedsworte müssen kurz sein wie eine Liebeserklärung".
Die Jahreslosung aus dem Johannesevangelium führt uns in eine Situation des Abschiednehmens. Jesus kündigt seinen Jüngern und vielen anderen Menschen, denen er geholfen und ein neues leben eröffnet hat, sein Weggehen an. Die Jünger Jesu haben Abschied und Tod vor Augen. Wir wissen nicht, ob sie seine Abschiedsworte sofort verstanden haben. Vielleicht haben sie sich gefragt: Hatte der gemeinsame Weg mit Jesus überhaupt einen Sinn gehabt? Eine vertraute Zeit geht für sie zu Ende und die Zukunft liegt als unbekanntes Land vor ihnen. Jesus ermutigt sie mit diesen Worten: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“  Sein Tod und seine Auferstehung machen den Weg zu einem Leben, dem kein Tod etwas anhaben kann, frei.
Diese frohe Botschaft wirft einen heilen Schein auf das Leben im Schatten des Todes. Für die Gefährten Jesu Christi ist es tröstlich, dass sie nicht einfach zu-rückgelassen werden. Jesus stimmt sie auf die neue Wegstrecke ein. Sie werden nicht allein sein. Das bringt die Jahreslosung zum Ausdruck: Er kündigt ihnen die tröstende Gegenwart des Heiligen Geistes an. Dieser Tröster — so Jesus — wird ihnen Beistand, Helfer, Mittler und Fürsprecher sein. Gottes Geist wird sie in die ganze Wahrheit leiten und stärken, Leben zu schützen und zu bewahren.
Gottes Geist steht auf der Seite des Lebens. Gottes Wort und Geist stellen Christinnen und Christen auf die Seite des Lebens. Wo Leben verletzt, bedroht und ausgelöscht wird, erwartet der Auferstandene die Parteinahme der Christinnen und Christen. Geschwächte Menschen, Menschen mit Behinderungen, kranke Menschen, Menschen am Rande des Todes sollen die Solidarität ihrer Mitmenschen erfahren. Christen sind Protestleute gegen den Tod, weil sie darauf hoffen, dass  Gottes Liebe stärker ist als der Tod und dass Jesus uns ein Leben verspricht, wie er es haben wird. Ein Leben nach dem Sterben, das diesen Namen wirklich verdient. Jesus wird es nicht für sich behalten, sondern an die weitergeben, die ihm vertrauen. In diesem Sinne bekennt der  russische Dichter Dostojewski kurz vor seinem Tod: "Mein Leben geht zu Ende. Ich weiß und fühle es. Doch mit jedem sich neigenden Tag spür ich auch, wie mein irdisches Leben übergeht in ein neues, unendli-ches, unbekanntes Leben, dessen Vorgefühl mein Herz fröhlich macht."
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2008 alles Gute, vor allem Gesundheit, Achtsamkeit und Ehrfurcht für alles Lebendige
und Gottes Segen!

„Was ist Ehrfurcht vor dem Leben, und wie entsteht sie in uns?
Die unmittelbarste Tatsache des Bewusstseins des Menschen lautet: ‘Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will.’ Als Wille zum Leben inmitten von Willen zum Leben erfasst sich der Mensch in jedem Augenblick, in dem er über sich selbst und über die Welt um sich herum nachdenkt.“ 

Albert Schweitzer, Urwaldarzt und Theologe

Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.



Andacht zur Jahreslosung 2007: „Gott spricht: ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr´s  denn nicht?“ Jesaja 43,19

Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Unsere Jahreslosung ist ein lebendiges Wort Gottes hineingesprochen, in eine Zeit großer Unruhe und eines radikalen, sozialen Zusammenbruchs. Die bis dahin bekannte Welt war auseinander gefallen. Und gerade dieser Zusammenbruch ist es, der die Fantasie freisetzt. Im Jahr 587 v. Chr. war die Stadt Jerusalem zerstört worden, der Tempel niedergebrannt und die Gewissheiten des Glaubens Israels waren nicht länger vorhanden. Viele Israeliten waren zutiefst verstört und in ein fernes, fremdes Land geführt worden. Und nun, mitten im Exil meldet sich ein Dichter, ein Prophet zu Wort, der von Gottes Geist dazu ermächtigt ist. Seine Verse finden sich im Jesaja-Buch, Kapitel 40—55. Aus dem Mund dieses Propheten kommt Einspruch gegen die Verzweiflung des Zusammenbruchs. Er richtet die Herzen und den Pulsschlag seines Volkes aus auf eine neue Heimat, ein neues Shalom, ein neues Jerusalem, eine neue Zeit. Damals waren diese Worte erstaunlich, und sie sind es bis heute, besonders für Menschen in vergleichbaren Situationen. Neues macht zunächst neugierig. Und was neu ist, scheint auf den ersten Blick gut. Das gilt für neue Besen, die wörtlich gut kehren sollen. Das gilt allgemein für neues Werkzeug, das die Arbeit erleichtert. Das gilt für neue Freundschaften und manchen anderen Neuanfang. Das gilt für neue Kleidung: Pullover, Jacken, Anzüge - -doch spätestens hier taucht gelegentlich die Frage auf: Ist das Neue so gut wie das Alte? Stimmt die Qualität? Hält das Neue, das da kommt, was es verspricht?
Es gibt viele Menschen, die Angst vor Neuem haben. Sorge machen ihnen neue Krisenmeldungen aus dem Unternehmen, in dem sie arbeiten. Viele sind die ständigen Veränderungen leid und können darin keinen Sinn mehr entdecken. Unruhig warten andere auf den Befund ihres Arztes und sind glücklich, wenn es nichts Neues gibt. In der Tageszeitung schauen manche zuerst nach den Familiennachrichten — mit der leisen Hoffnung nichts Neues zu finden, das anzeigt: Der Kreis deiner Freunde und Bekannten wird kleiner. Familiennachrichten — mit der leisen Hoffnung nichts Neues zu finden, das anzeigt: Der Kreis deiner Freunde und Bekannten wird kleiner. Wer recht fest gefügte Vorstellungen vom Leben hat, und wessen Lebensgefühl sehr stark von der Vergangenheit geprägt ist, der scheut sich vor dem Neuen und vor allem Wandel. Es gibt Situationen, in denen Menschen meinen, nur noch die Wahl zu haben zwischen einer nostalgischen Erinnerung an einen Glauben, den es so nicht mehr gibt, oder der Verzweiflung, dass es schier unmöglich erscheint, überhaupt noch glauben zu können. Die Sehnsucht nach der guten alten Zeit hindert oft daran, etwas Neues auszuprobieren. Deshalb stehen wir uns manchmal selbst im Weg mit unserem Erfahrungswissen und mit unserer Skepsis, ob das Neue wirklich gelingen kann. Neues löst in unseren Zeiten gemischte Gefühle aus. Je tiefer die Veränderungen gehen, mit denen wir konfrontiert sind, umso größer wird die Angst vor Neuem. Trotzdem will Gott Neues schaffen. Oder genauer: Deswegen will Gott Neues schaffen. Das Alte hat in die Gefangenschaft geführt. Das Alte hat die Menschen gelähmt und ihnen keine Kraft mehr zu Träumen und Visionen gegeben. Vor diesem Hintergrund redet der Prophet Jesaja.
Gerade da, wo Menschen es nicht für möglich halten, etwas Neues wahrnehmen zu können, löst der Prophet die Umklammerung eines nach rückwärts gewandten Blicks: „Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr‘s denn nicht?“ (Jesaja 43,18-19). Das Wörtchen „siehe“ will unseren Blick im wahrsten Sinn des Wortes auf etwas Besonderes lenken. Hinsehen sollen wir, die Augen weit öffnen für Gottes Handeln in unserem Leben und in dieser Welt. Es könnte uns geschenkt werden, dass wir hinter den Dingen, die wir vordergründig mit unseren Augen wahrnehmen, etwas erahnen von Gottes Gegenwart. Er sagt nicht, was es ist. Aber er vertraut auf unseren Durchblick, dass wir an Gottes Wirken glauben, dass Gott in uns Etwas wachsen lassen will, unabhängig ob wir jung oder alt sind. Es wächst, wenn wir es zulassen. Es geschieht immer wieder, dass Hoffnung wächst, Zuversicht und Vertrauen zunehmen. Die neue Hoffnung, die Gott schafft, stärkt unsere Träume und Visionen, dass mit Gottes Hilfe einmal alle Erfahrungen des Mangels und der Erschöpfung überwunden werden. Dieses Neue wächst gegen die Leben zerstörenden Mächte und gegen die Zukunftsangst. Ich wünsche uns allen einen mutigen, angstbefreiten Blick nach vorn, offen für das, was Gott in unserem persönlichen Leben, aber auch im Leben unserer Kirche und Gesellschaft Neues wachsen lassen will.

Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2007 alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen!
„Träumt einer allein, ist es nur ein Traum. Träumen viele gemeinsam, ist es der Anfang von etwas Neuem.“
Weisheit aus Brasilien

Herzlichst

Norbert Müller, Pfr.


Andacht zur Jahreslosung 2006: „Gott spricht: ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Jos 1,5b.

Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Als Gott diese Worte dem Josua zugesprochen hat, da stand der Nachfolger des Moses auf der Schwelle ins Ungewisse, auf der Schwelle zum gelobten Land. Unsicher war die Zukunft für ihn und die Seinen. Wir fragen uns:
Was kommt auf uns zu? Wird es besser werden als bisher? Wird es schlechter werden? Es sind Fragen vor dem Weitergehen. Was denken heute Menschen bei diesem Zuspruch Gottes: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht?“
Viele Spötter unserer Zeit meinen: diese Worte sind in einer Welt, die keine Sicherheit kennt, eine Vertröstung der Frommen. Sicher haben Menschen in verschiedenen Lebenslagen unterschiedliche Erfahrungen gemacht mit und ohne Gott. Manche haben sich bei Schicksalsschlägen, Krankheiten etc. von Gott verlassen gefühlt, andere haben Glück im Unglück gehabt und sind bewahrt worden vor dem Unheil eines Lebenssturzes.
Was auch bleibt ist oft die Angst, dass etwas schlimmes Unvorhersehbares wieder passieren könnte. Nicht immer hat ein Mensch selbst Kraft nach einem gewichtigen Sturz wieder aufzustehen. Lebensstürze passieren im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben. Ich denke z. B. an die vielen Menschen, die bisher durch das soziale Netz gerutscht und gefallen sind. Wie viele haben keine ausreichende eigene Kraft, um wieder auf die Beine zu kommen? Auch ihnen und ihnen sogar ganz besonders gilt die Zusage Gottes: „Ich lasse Dich nicht fallen!“
Wie viele Menschen treten immer wieder zur Seite, wenn sie jemandem begegnen, der gefallen oder gestrauchelt und dabei eben in der Gosse gelandet ist? Ob er daran selbst oder völlig unschuldig ist, spielt dabei oft keine oder eine untergeordnete Rolle. Das herzlose Verhalten gegenüber einem Gefallenen wird in einem Sprichwort so ausgedrückt: „Wer den Schaden hat, der braucht für den Spott nicht zu sorgen!“
Wie schnell lassen wir Menschen einfach jemanden fallen. Da wird in Familien nicht mehr miteinander geredet, weil ein Wort das andere gegeben hat, und da wird das Kind, das man groß gezogen hat, einfach fallen gelassen. Da verstehen Ehepartner einander nicht mehr, weil der eine den anderen enttäuscht hat, und er wird einfach fallen gelassen. Da sind Geschwister zerstritten
ten, weil der Eine schon im Voraus wahrscheinlich mehr vom künftigen Erbe abbekommen hat, als der Andere. Da werden Menschen, die in Ihrem Job den Anforderungen nicht gerecht wurden, einfach fallen gelassen. Wie viel
Schmerzen und Leid fügen Menschen einander zu? Wie oft werden Eltern, Geschwister, Kinder, Freunde, Bekannte, Kollegen einfach fallen gelassen?

Wie gut ist es, dass Gott das Gegenteil tut. Wir müssen uns ihm ausliefern.
Wir sollen nicht auf unsere eigene Kraft bauen und immer wieder darauf hoffen, dass diese Welt und die Menschen dieser Welt zu uns gerecht sind. In solche Ungewissheit der persönlichen Situation und gesellschaftlichen Krise hinein spricht Gott sein Wort: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ 

Mir fällt hier ein Wort des Hamburger Pastoren Helge Adolphsen ein, der die Menschen einmal so beschrieben hat: Es gibt „Wenn-Menschen“ und es gibt „Wie-Menschen“. Der „Wenn-Mensch“ sagt: Wenn ich vorher wüsste, wie es ausgeht, ja dann… Der “Wenn-Mensch“ ist furchtsam und braucht Sicherheit.
Der „Wie-Mensch“ aber geht mutig auf die Aufgaben seines Lebens zu und fragt: „Wie kann ich das Problem lösen?“ Mit dem Wort aus Josua 1,5b können wir tatkräftige “Wie-Menschen“ werden.
Im Vertrauen auf Gottes Wort mögen wir vorangehen von Raum zu Raum, von Zeit zu Zeit. Mögen wir mit Gottes Hilfe zu „Wie-Menschen“ werden, denn der Name Gottes, wie er sich im Dornbusch Moses offenbart hat, lautet so: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Mose 3,14) und das heißt für uns: „Ich verlasse dich nicht — ich bin für dich da.“
Das ist die gute Zusage, die Gott uns als unser Wegbegleiter gibt. Wenn wir scheinbar von allen verlassen sind, wenn sich die, denen wir am meisten vertraut haben, abwenden, wenn wir uns ganz allein fühlen, dann ist Gott immer noch für uns da. Das ist wunderbar. Hoffentlich werden wir die Wegweisung Gottes und seine schützende Nähe immer wieder erfahren können!
Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2006 alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen.

Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir, führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr. Er reicht mir seine Hand, den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen, wo ich auch sei im Land.“ Ludwig Helmbold 1563; Lied 365,1

Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.

Andacht zur Jahreslosung 2005: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“ Lukas 22,32.
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Die Jahreslosung für das Jahr 2005 stammt aus einem turbulenten Kapitel des Lukas-Evangeliums. Dort zeichnet der Evangelist ein schonungsloses und realistisches Bild von den Jüngerinnen und Jüngern Jesu und von der Kirche. Kaum sind zwei oder drei in Jesu Namen versammelt, wird auch schon um Macht und Positionen, um Ord-nungen und Hierarchien gestritten. Es ist ein Bild, das frappierende Ähnlichkeiten zu manchen gesellschaftlichen und kirchlichen Vorgängen heute hat. Jesus versucht, Petrus auf eine solche Situation vorzubereiten. Unsere Jah-reslosung ist ein Wort, das Jesus vor dem Abschied an Petrus richtet. Jesu Wort steht in einem dramatischen Zu-sammenhang. Die Jünger sitzen mit Jesus beim letzten Abendmahl. Nach der Ankündigung seines baldigen Todes und des Verrats streiten sie über ihr eigenes Ansehen und ihre Größe. Denen, die dienen und in Anfechtungen aus-harren können, sagt Jesus die ewige Gemeinschaft mit Gott zu. Dann fällt das Wort: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ Petrus bezieht daraus Stärke und Mut bis hin zu der übermütigen Äusserung: „Ich bin bereit, mit dir zu sterben“, verspricht er seinem Herrn. Und der prophezeit ihm daraufhin die dreimalige Verleugnung, noch bevor der Hahn kräht. Das Drama der letzten Nacht nimmt seinen Lauf: Im Garten Gethsemane schläft Petrus ein und später verleugnet er seinen Herrn dreimal. Wie steht es mit unserem Glauben? Bekennen wir uns immer zu unserem Herrn? Wird unser Glaube zu Ende sein, wenn wir unseren Herrn verleugnen?
Ich meine, viele, die sich Christen nennen, werden Jesus auch in diesem Jahr wieder verleugnen, weil sie lieber herrschen, statt zu dienen, weil sie auf ihr Ansehen bedacht sind, statt auf das Ansehen derer, die keiner sieht, weil sie gerne Kompromisse suchen, wo sie eindeutig Position zeigen müssten, weil sie manches als schicksalhaft hin-nehmen, wogegen wir uns empören und auflehnen müssten. Aber Jesus hat gebeten, dass unser Glaube trotz alles Versagens nicht aufhöre. Ist es nicht gut, zu wissen, dass Jesus an uns denkt,  gerade auch im Gebet? Die Jahreslo-sung erinnert uns daran, dass Jesus Christus für uns betet und dabei an die Krisen denkt, die wir uns im Vorhinein noch nicht einmal vorstellen können. Kein Mensch weiss im voraus, wie stabil sein Glaube sein wird, wenn ihn ein Unglück trifft, und er an Gott verzweifelt.
Können Sie sich vorstellen, dass Sie in eine Situation geraten, in der Ihr Glauben schwindet, ja verschwindet?
Wir wünschen uns das alle nicht. Dennoch wissen wir: Glaube kann ins Wanken geraten, schwächer werden, auf-hören, verlorengehen, und eingehen. Das kann vielerlei Gründe haben: Das kann eine Folge der geistigen Umwelt sein, die so sehr von der Wissenschaft und der Technik bestimmt ist, dass Gott darin keinen Platz mehr zu haben scheint. Viele Menschen leben, als wenn es Gott nicht gäbe. Es scheint auch ohne Gott im Leben gut zu gehen. Der Glaube kann in Frage gestellt werden durch Erfahrungen im eigenen Leben, im Leben der Menschen und der Welt. Schicksalsschläge, Krankheit, Not, Katastrophen, Leid und Tod lassen fragen: Gibt es überhaupt einen Gott? Manche Fragen bleiben unbeantwortet und Glaubenszweifel werden nicht überwunden. Der Glaube ist oft wie eine zarte Pflanze, die eingehen kann, wenn sie nicht gepflegt wird. Deshalb bedarf unser Glaube der Stärkung. Und schließlich kann der Glaube angefochten werden durch manches, das wir in der Kirche erleben: Unzulänglichkeit, ja auch Sünde und Schuld der Menschen. Wo immer auch die Quellen für die Anfechtung im Glauben liegen: Der Glaube bedarf der Stärkung. Jesus betet für Petrus, dass sein Glaube nicht auf höre. Vom Gebet des Herrn für seine Jünger geht Stärkung im Glauben aus. Kein Mensch verfügt über den Glauben, er ist und bleibt ein Geschenk Gottes und will erbeten sein. Deshalb ist der Blick auf Jesus so wichtig: Jesus  verlangt nichts ab, wenn er sieht, dass jemand alle Kraft verliert, und von Angst, von Schuldgefühlen, von Hass beherrscht wird. Jesus ap-pelliert nicht, er gibt keine Ratschläge, sondern er tut selbst etwas: Er bittet Gott, dass der Glaube nicht aufhört. Es geht also trotz aller guten Vorsätze darum, sich nicht in erster Linie auf sich selbst zu verlassen. Es geht in Glau-bensdingen nicht in erster Linie darum, wozu ich in der Lage bin. Es kommt darauf an, auf den zu sehen, der für uns eintritt, wenn wir Schwäche zeigen. Darauf weist uns unsere Jahreslosung hin.
Sie begleitet uns an den schönen wie an den schwierigen Tagen. Sie erinnert uns an Jesu Fürbitte, die uns aufrich-ten kann, wenn wir es nötig haben.

Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2005 alles Gute, vor allem Gesundheit, einen fröhlichen Glauben und Gottes Segen.    
Der Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel  ist.“

                                                                                    Rabindranath Tagore
Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.


                
Andacht zur Jahreslosung 2004: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ Markus 13,31.
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Dieser Satz aus der Endzeitrede Jesu im 13. Kapitel des Markusevangeliums wirkt zunächst verunsichernd und löst in uns Fragen aus: Was hat denn eigentlich noch Bestand, wenn scheinbar alles der Vergänglichkeit ausgeliefert ist?  Was wir für ewig halten, wird einmal aufhören, zu existieren? Forscher haben berechnet, dass in 12 Milliarden Jahren die Sonne verglüht, weil ihr Wasserstoffhaushalt aufgebraucht sein wird. Spätestens dann also wird unser blauer Planet Erde ein Ende haben. Aber was uns noch mehr berührt, ist der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit: Wir selber werden vergehen. Und dann sind da die atemberaubenden Entwicklungen von Massen-vernichtungswaffen und die zerstörerischen Mächte, die die Zukunft bedrohen. Die Angst vor nicht mehr kon-trolierbaren Konflikten ist berechtigt. Denn der Weltuntergang, die Zerstörung unserer Erde durch Krieg und technische Katastrophen, ist vorstellbar geworden. Wozu Menschen fähig sind, wissen wir, wobei in den letzten Jahr-zehnten das Ausmaß der zerstörerischen Fähigkeiten gewachsen ist. Teile dieser Erde, wie die Gegend um Tschernobyl, sind durch menschliche Schuld bereits unbewohnbar geworden. Der irdische Himmel über uns ist ebenfalls durch menschliche Einwirkung für gefährliche Strahlung durchlässiger geworden als früher. Unsere be-wohnte Welt aus Himmel und Erde ist viel angreifbarer und zerbrechlicher, als manche Menschen sich das vorstellen können oder wollen. Als die Verse vom Evangelisten Markus niedergeschrieben wurden, hatte das jüdische Volk in Jerusalem gerade eine Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß erlebt: Die Römer hatten unter Kaiser Titus die Stadt erobert, den Tempel zerstört und viele Heiligtümer entwendet. Die Juden wurden vertrieben und zerstreuten sich. Unter diesem Eindruck sahen einige christliche Gruppierungen das Ende der Welt gekommen. Sie glaubten, Tag und Stunde zu kennen und sahen wie gelähmt den nahenden Weltuntergang auf sich zukommen. Gegen eine Stimmung von Resignation und Angst setzt der Evangelist das Wort Jesu. „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen“. Die Jahreslosung aus dem Markusevangelium will uns uns in einer Zeit von Verunsicherung und Ungewissheit trösten. In unserer Gesellschaft und in den Kirchen ist vieles im Umbruch und oft wird von vielen die Frage gestellt: Worauf ist denn eigentlich Verlass? Wie werden die an-stehenden politischen Reformen in unserem Land unser Leben verändern? Die Reformen betreffen Einzelne und haben generelle Auswirkungen: Nullrunden, Kürzungen, Streichungen, die Nichtbesetzung von Stellen, der Verkauf von Kirchengebäuden, die nicht mehr haltbar sind. Innerhalb der Kirchen wird darüber diskutiert: Wie können wir trotz Kürzungen unsere Arbeit weiterführen wie bisher mit dem Ziel, das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen, und die Liebe Gottes ausnahmslos in einer Gemeinschaft von Schwachen und Starken zu verwirklichen? Kann uns da die Jahreslosung zu Zuversicht anregen? Ich denke: Was auch immer geschieht, auch wenn sich der Zustand der Welt immer weiter verschlimmert: Die Zusage Gottes, dass er uns liebt und erhält, bleibt bestehen. Noch leben wir in einem der reichsten Länder der Erde. Wir müssen nicht ängstlich resignieren. Wir können unsere Ideen und Gaben einbringen, um die Welt menschlicher zu gestalten, die Solidarität der Starken mit den Schwachen zu erhalten. Jesu Worte sind unsere Wegbegleiter und zugleich die Verheissung, dass unsere Welt, wir alle auf den Gott zugehen, der uns in seinem Sohn seine unvergänglichen Worte anvertraut hat. Jesu Worte sind Worte der Verheißung. Warum werden sie nicht vergehen? Weil Jesus selbst „das Wort ist, von dem es am Beginn des Johannes-Evangeliums heißt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott... Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1,1.14). Gott selbst ist in der Mensch-werdung seines Sohnes in unsere menschliche Geschichte eingetreten und macht sie dadurch zur Heilsgeschichte. Unsere Zeit und unsere Welt gehen nicht einem Ende, sondern der Vollendung entgegen. Das Ende hat einen Na-men und ein Gesicht.  Am Ende steht der wiederkommende Herr Jesus Christus. Wir gehen Ihm entgegen, der alles vollendet. Matthias Claudius hat es mal treffend so ausgedrückt, wie die Welt vergeht und Gott alles in sei-nen Händen hält: „Der Mensch lebt und besteht nur eine kleine Zeit, und alle Welt vergeht wie ihre Herrlichkeit. Es ist nur einer ewig und an allen Enden und wir in seinen Händen".

Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2004 alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen.
„Lasset uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt!.“
Gustav Heinemann, 1950
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Herzlichst
Norbert Müller, Pfr.




Andacht über die Jahreslosung 2003: ”Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“ (1.Samuel 16,4).
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Der weltberühmte Psychotherapeut C. G. Jung (1875-1961) zitierte gelegentlich einen Indianer, der sich über die Weißen geäußert hatte: "Schau bloß, wie grausam die Weißen aussehen! Ihre Lippen sind dünn, ihre Gesichter voller Falten, gefurcht, verzerrt. Sie haben starre Augen, suchen immer etwas. Was suchen sie bloß? Sie sind rat- und ruhelos. Wir wissen nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht..." Jung fragte ihn, warum er denn meine, die Weißen seien alle ruhelos? Da entgegnete der Indianer: "Sie denken mit dem Kopf, hast du gesagt. Das verste-hen wir nicht!" Wo er - der Indianer - denn denke, wollte der Psychotherapeut wissen. "Wir denken hier!" sagte er - und deutete auf sein Herz. Jung versank in langes Nachsinnen.- Auch ich bin zum Nachdenken gekommen:
Wie sehen Menschen einander an, wenn sie sich eine Meinung vom anderen bilden wollen? Worauf achten wir eigentlich, wenn wir einander anschauen? Und wer möchte schon von einem anderen durchschaut werden? Wie oft schauen wir verschlossen aus und verziehen keine Miene. Wir lieben das Rollenspiel, setzen uns gern in Szene, machen anderen etwas vor. Wir fürchten, wir könnten auf die Seite der Verlierer geraten, wenn unsere Schwächen sichtbar werden. Darum zählen in der Gesellschaft gutes Aussehen, schicke Kleidung, Beredsamkeit, Witz, Schlagfertigkeit. Wer das besitzt, hat die besten Chancen zu einem gelingenden Leben — so denken viele. Auch der Prophet Samuel ging von dieser Voraussetzung aus. Er sollte einen neuen König für Israel salben. Unsere  Jah-reslosung ist im Zusammenhang mit der Geschichte über die Erwählung Davids zu verstehen. Samuel wird von Gott beauftragt, einen Sohn Isais als Nachfolger für König Saul zu salben. Dabei soll er nicht auf Aussehen und Gestalt achten: nicht auf mediengerechtes Auftreten, gefälliges Gehabe, die Gabe, sich verkaufen oder Mehrheiten schaffen zu können — Eigenschaften, die Menschen etwa bei der Wahl ihrer Politiker berücksichtigen. Samuel erhält einen anderen Maßstab: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“.
Deshalb salbt er nicht die sieben Sohne Isais, die ihm zuerst vorgestellt werden, sondern David. Gott hat diesen erwählt, den jungen Mann, von dem er weiß: Er hat das rechte Herz. Im Hebräischen hat das Wort "Herz" mit "Verstand" zu tun. 1.Samuel 16,4 bedeutet auch: Gott sieht das, was Menschen wollen, wünschen, hoffen. Andere haben diesem Bibelwort einen ganz anderen Klang gegeben: "Sei vorsichtig, was Du Dir für Gedanken machst: Gott sieht alles". Dazu folgende Geschichte: „In einer norddeutschen Stadt lebte vor Jahren ein Pastor, der als Seelsorger sehr beliebt und als Redner überaus begabt war. Dieser Mann hatte ein interessantes Hobby: er züchtete Hühner. Eines Morgens waren alle Hühner aus dem Hühnerstall verschwunden, gestohlen. Die Diebe hatten ein Schild
zurückgelassen mit einer Aufschrift, die bald die Runde machte: "Der liebe Gott ist überall und sieht alles, aber er verpetzt uns nicht!“ Dieser Spottvers macht sich lustig über die weit verbreitete Vorstellung, dass Gott überall ist und mit aufmerksamen Augen alles sieht und registriert, was die Menschen treiben. Er sieht, wenn jemand sündigt und führt auch so etwas wie eine Strichliste. Der "liebe" Gott ist sozusagen im erzieherischen Einsatz . Vielleicht haben die Hühnerdiebe in ihrer Kindheit Gott nur so verzerrt kennen gelernt, nämlich als jemanden, mit dem man drohen kann, weil er allgegenwärtig ist und alles sieht. Ich denke, Gott wurde oft früher benutzt, um Kinder so gefügig zu machen. Es scheint überflüssig, hinzuzufügen, dass das Zerr-Bild eines zornigen, strafenden, gewalttä-tigen Gottes zurückblieb, vor dem letzt endlich kein Mensch bestehen kann. Dieser Gott, der uns durchschaut bis zu den letzten Fasern unserer Hoffnung und in alle Winkel der Verzweiflung, stellt uns aber nicht bloß. Er sieht und kennt uns eher wie ein liebender Vater und eine behutsame Mutter. Vertrauensperson vom Anfang bis zum Ende will er uns sein. Vor ihm muss keiner fliehen - aber zu ihm darf jeder fliehen- mit aller Freude und auch mit aller Last, die sich aufs Herz legt. Zu ihm dürfen wir fliehen, weil Gott es gut mit uns meint. Wie also die Men-schen die Augen benutzen, um einen Menschen zu sehen, so bedient sich Gott seines Herzens, um Menschen an zu sehen. Gott schaut mit seinem Herz in das Herz eines Menschen. Wenn Gott in unser Herz sieht, können wir übri-gens auch selbst lernen, mit dem Herzen zu sehen. Menschen, die lernen, auf ihr Herz zu hören und mit ihm zu reden, können auch dann mit dem Herzen sehen und werden klug und weise. König Salomo erbat sich von Gott ein weises Herz. Läge darin nicht auch unsere Berufung für uns als Kinder Gottes, wenn wir Gott den wichtigsten Platz in unserem Herzen geben und dann fähig werden, mit Gottes Augen die Welt zu sehen? Gott will, dass wir mit anderen offen und achtsam umzugehen und sie keinesfalls festnageln auf das, was sie sind. Überraschungen - im Guten, wie allerdings auch im  Schlechten - sind immer drin. Für Gott ist es nie zu spät, einem Menschen einen Neuanfang zu ermöglichen. Die Biographie des Paulus zeigt uns, wie aus einem Christenverfolger ein Sendbote Jesu werden kann. Es ist gut, darauf zu vertrauen, dass Gott weiss,  wie wir wirklich sind und was er mit uns noch vorhat. Das Wort des Propheten Samuel ermutigt jeden, sich der Wahrheit seines Lebens zu stellen und stets Klar-heit walten zu lassen. Wer sich den Blick Gottes auf die Innen-, statt auf die Außenseite seines Lebens - auf Kopf, Herz und  Seele gefallen lässt, spürt die Gnade und Liebe Gottes,
die uns neue Kraft gibt zum Leben,  so dass wir mit einem erneuerten Herzen, mit gestärktem Glauben, mit froher Hoffnung und tatkräfiger Liebe zur Ehre Gottes und zum Wohle unserer Mitmenschen beitragen.

Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2003 alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen!

„ Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“
Antoine de Saint - Exupéry




Herzlichst

Norbert Müller,
Pfarrer                   


Andacht über die Jahreslosung 2002: ”Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen” (Jesaja 12,2).
Liebe Gemeindeglieder und Freunde unserer Gemeinde!
Das Wort der Jahreslosung stammt aus dem Danklied der Geretteten beim Propheten Jesaja (8.Jh. v. Chr.), und es bringt die Erfahrungen vieler Generationen mit dem Gott Israels zum Ausdruck. Es ist ein Lied über Gottes Hilfe für sein Volk, das zu jener Zeit durch das assyrische Großreich bedroht war. Worauf sollte man sich noch verlas-sen, wenn zu zerbrechen schien, was früher Halt gab? Die Menschen zur Zeit Jesajas hatten wenig Anlass zu Op-timismus: Welche Erfahrungen hatten denn sie gemacht? Vom Volk, das im Finstern wandelt, spricht der Prophet und klagt an, dass viele Israeliten die Taten Gottes (wie die Befreiung aus Ägypten) vergessen haben. Religion, Heimat, Traditionen, Werte, Nächstenliebe, die Ehrfurcht vor Gott haben nicht mehr den Stellenwert wie früher, die Altäre werden zerstört, die eigene Identität geht verloren. Wovon hätte man da noch singen sollen? Sieht unse-re Welt so wesentlich anders aus? -
In diese Situation hinein erklingt die Vision (Jesaja 9,1-6) von dem großen Licht, das aufgeht über die, die da wohnen im finsteren Lande: Ein Kind ist uns geboren, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Gott rettet durch ein Kind. Gottes Rettungsaktion beginnt so unscheinbar, wie das Leben eines Kindes ist. Da wo ein Baby die Eltern und Großeltern anstrahlt, wo Menschen Liebe erfahren, wo einem Hungernden geholfen wird, da ist Gott gegenwärtig. Wer Gottes Nähe erfährt, stimmt in das "Danklied der Geretteten" ein: "Gott ist mein Heil, die Freude meines Lebens. Der Prophet singt dieses Danklied:´“ Gott rettet“. Hinter diesem alten Danklied steht das Wissen, dass Heil, Hilfe und Befreiung in der je und je erfahrenen Nähe Gottes liegen. Können wir in dieses Danklied mit einstimmen? Wo haben wir in unserem Leben das Handeln Gottes gespürt? Gab es Zeiten, Ereignis-se, Momente in Kindheit und Jugend, unter Krieg und Flucht, in unseren bestehenden oder verlorenen Beziehun-gen der Liebe, innerhalb der beruflichen Erfüllungen und Versagungen, in Krankheit und Not, wo Gott nicht über uns Flügel und seine schützende Hand gebreitet hat? Hat sich nicht oft erst später herausgestellt, wie Gott sich um uns gesorgt hat und weiterhin sorgt? Wo wir lernen, Gott zu danken für das Leben, das er uns geschenkt hat, da tun wir es im Namen Jesu. Das hebräische Wort für Rettung erinnert an Josua, und es taucht im Namen „Jesus“ wie-der auf. Er ist der Retter, seine Liebe die Ankerkette, von der uns nichts trennen kann. Der hebräische Name „Je-sus“ bedeutet auf deutsch: „Gott rettet“ und macht deutlich, dass es Gottes Wille ist, dass „allen Menschen gehol-fen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Timotheusbrief 2,4). Gottes Hilfe wird da erfahrbar, wo Menschen, die zwischen Angst und Vertrauen hin und herschwanken, sich für das Vertrauen auf Gott ent-scheiden. In der folgenden Erzählung wird deutlich, was eine Vertrauensentscheidung ist: „Auf einer alten, halb verfallenen Mauer krabbeln zwei Jungs. Vier und fünf Jahre als sind sie. Die Eltern haben es verboten. Aber das macht es ja reizvoll. Sie klettern, spucken in die Tiefe, werfen Steine in den Hinterhof - sie tun eben alles, was Jungs in so einem Fall tun. Sie sind gleich tapfer und gleich mutig. Sie sind sich überhaupt sehr ähnlich. Könnten Zwillinge sein. Und manche Nachbarn reden immer nur von "den beiden", selten von einem alleine. Es passiert, als sie wieder auf der Mauer sind, da bricht ein Teil der Mauer zusammen. Sie können weder vor noch zurück. Etwas kleinlaut sind sie. Immer ängstlicher. ein Mann kommt, will ihnen helfen und ruft: "Springt, ich fange euch auf!" Seltsam. Die beiden so ähnlichen Jungs verhalten sich ganz verschieden. der eine springt sofort, der andere versucht es erst gar nicht. Er kauert sich weinend oben zusammen und wartet auf die Feuerwehr. Frage: Warum hat der eine Junge den Mut zum Sprung, der andere nicht? Die Antwort ist eigentlich einfach: Der eine Junge springt, weil der Mann unten sein Vater ist. Der andere Junge springt nicht, weil es eben nicht sein Vater ist “
Wie ein Vater wartet Gott darauf, dass wir zu ihm Vertrauen fassen. An Gott glauben" oder "auf Gott vertrauen" ist eine wichtige Entscheidung, die ich mit einem Bild umschreiben möchte. Das Bild von einem Anker verdeut-licht den Glauben eines Menschen, der sein Lebensschiff in Gott festmachen möchte. Der Glaube an Gott ist wie „den Anker" auswerfen, um in den Stürmen des Lebens „Halt, Kraft und Trost“ zu finden. Wir leben von der Zu-sage, dass Gott uns schenken will, was wir brauchen: Glauben und Gottvertrauen. Er schenkt uns den Heiligen Geist, diese unsichtbare Verbindung zwischen Ihm und uns, so dass auch wir bereit und fähig werden, zu erfahren und zu bekennen: "Ja, Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen." Dieser Satz hat seit Jesus eine ganz neue Dimension bekommen. Das Leben aus dem Vertrauen an den einen Retter, der es immer und unter allen Unständen gut mit uns meint , führt zur Bejahung des Lebens, zur Bejahung der eigenen Person mit allen guten und schlechten Seiten, zur Bejahung der Mitmenschen, zur Bejahung der Schöpfung und zur Bejahung Gottes. Es gibt aber auch viele Erfahrungen in der Geschichte der Menschheit und auch des eigenen Lebens, die Anlass sein könnten, zu Gott und zum Mitmenschen Nein zu sagen. Unbegreifliche Schicksalsschläge, unsagbares Leid, schwere Krankheiten und Not sowie schlimme menschliche Enttäuschungen und Verletzungen können die Quellen sein, dass Menschen sich existentiell so bedrängt fühlen, dass sie glauben nicht anders zu können, als mit einem lauten Nein gegenüber Gott und den Menschen zu protestieren und vielleicht sogar gegen sich selbst. Doch auch noch in diesem Nein äußert sich die Entrüstung des Menschen, der sich nicht mit dem Bösen und den ver-neinenden, lebenszerstörenden Kräften in dieser Welt abfinden will. Am liebsten möchte jeder Mensch „Ja“ sagen können und an die Rettung durch Gott glauben. Wenn der Mensch aufhört, sich selbst zur letzten Instanz und Per-spektive zu machen, findet er zu mehr Gelassenheit und zu der Erkenntnis, dass er beschenkt ist und alles , was sein Leben ausmacht, nicht selbst verdienen muss. Kein Mensch gewinnt sein Leben dadurch, dass er immer mehr leistet. Es entsteht vielmehr immer neue Unzufriedenheit, wenn Menschen sich ständig rechtfertigen müssen, weil sie immer neuen Ansprüchen zu genügen haben. Der Mensch, der nur noch an sich denkt, gerät in die Isolation. Der christliche Glaube befreit, indem er den Menschen auf die Zusage hinweist, dass Gott uns behütet und be-wahrt. Heinrich Böll hat recht, wenn er sagt: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und noch mehr als Raum gab es für sie: die Liebe.“ Die Men-schenfreundlichkeit Gottes leuchtet da auf, wo Menschen aus der frohen Botschaft der Bibel Glauben schöpfen und sich in ihrem Denken und Handeln davon bestimmen lassen, daß jeder Mensch als Ebenbild Gottes unzerstör-bare Würde besitzt. In jeder menschlichen Person einen von Gott geliebten Menschen zu sehen, macht uns be-wusst, dass das Menschsein als Geschenk zu verstehen ist. Und die Bestimmung des Menschen ist es, Gott zu er-kennen, denn durch Gotteserkenntnis ist Selbsterkenntnis möglich. Von Johannes Calvin, dem Schweizer Refor-mator ist der Satz überliefert: „Die beste Art, Gott für empfangene Wohltaten zu preisen, ist, neue von ihm zu er-warten.“ Von Gott können wir mehr erwarten als von uns selbst, denn ER ist mit uns und ER kommt auf uns zu, Zukunft und Ziel unseres Lebens sind in seiner Hand. Eine kleine Geschichte aus China will uns alle in unserem Gottvertrauen bestärken:
„ Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir eine Lampe, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann! Aber er antwortete: Gehe nur in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als eine Lampe und sicherer als ein bekannter Weg“.

Ich wünsche Ihnen allen für Ihren weiteren Weg durch das Jahr 2002 alles Gute, vor allem Gesundheit und Gottes Segen.


„ Die wesentlichen Dinge des Lebens kommen
 nicht aus uns selbst, sondern auf uns zu.“


Herzlichst
Norbert Müller,
Pfarrer