Jahreslosung 2023: „Du bist ein Gott, der mich sieht (1. Mose 16,13)“.
Liebe Gemeindeglieder, liebe Freundinnen und Freunde!

„Die einen sind im Dunkeln, die anderen sind im Licht" - mit diesen Worten beschreibt Berthold Brecht in der Dreigroschenoper die menschliche Gesellschaft. Da gibt es diejenigen, denen es gut geht. Sie können sich ihre Wünsche erfüllen. Mangel und Not sind ihnen Fremdwörter. Sie freuen sich auf den kommenden Tag. Von ihnen sagen wir, sie stehen auf der Sonnenseite des Lebens. Und dann gibt es die anderen, ihr Leben ist nicht von der Sonne beschienen. Mit Sorgen blicken sie in die Zukunft. Sie werden oft übersehen- arme, bedürftige, kranke, behinderte, gescheiterte und einsame, alte Menschen, die in ihrem Leben oft haben erfahren müssen, wie schmerzhaft es ist, übersehen zu werden. Im Dunkeln sind auch alle Menschen, die unter Krieg, Vertreibung, Flucht, Hunger und Existenznöten leiden und Hilfe brauchen. Gerne verdrängen wir schlechte Nachrichten in unserer von Krieg, Krisen und Krankheiten geprägten Zeit und denken manchmal, dass Gott weit weg ist. Was sagt uns die Bibel, wie Gott zu uns Menschen steht? Was antworten wir, wenn wir Christen nach unserem Gott gefragt werden?
Eine einfache Antwort zu dem Leid gibt es nicht. Entscheidend ist doch, dass Gott uns sieht, vor allem in unser Herz. Er kennt uns durch und durch. Er weiß, was in unserer Seele wohnt, was unsere Gedanken erfüllt und was uns umtreibt. Er sieht, wo unsere Angst sitzt und sagt: „Fürchte dich nicht!“ Gott bleibt mit uns bei Freud und im Leid und hilft uns, dass wir an unserem Glauben festhalten. Unser Glaube erfährt Zuspruch durch die Jahreslosung. Es ist eine Aussage von Hagar, einer ägyptischen Sklavin von Sarai, der Frau Abrahams, die sich gedemütigt fühlt und auf der Flucht in der Wüste ist. Wie ist es dazu gekommen? Sarai ist unfruchtbar und bittet daher ihren Mann, ein Kind mit der Zweit-frau Hagar zu zeugen. Doch die Schwangerschaft sorgt für einen Konflikt zwischen den Frauen. Sie demütigen und verachten sich. Für Hagar scheint die Lage ausweglos zu sein, sie flieht. Verzweifelt und einsam läuft sie zu einer Wasserquelle in der Wüste.
Dort begegnet ihr ein Engel, der ihr rät, zu Abram und Sarai zurückzukehren. Der Engel prophezeit, dass Hagar einen Sohn mit Namen „Ismael“(= Gott hört) zur Welt bringen und durch ihn so viele Nachkommen bekommen wird, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können.
Als Hagar an der Wasserquelle zu Gott gebetet hat, wird ihr die Erfahrung zu-teil: „Du bist ein Gott, der mich sieht". In dieser Äußerung bringt sie ihre Selbstwahrnehmung zum Ausdruck. Hagar hat das Gefühl, so gesehen zu werden, wie sie ist und spürt, von Gott in ihrer Verzweiflung erkannt zu werden. Hagar, eine Fremde und Sklavin, ohne Ansehen und Rechte wird von Gott nicht übersehen. Sie erfährt seine Zu-wendung und so seine Liebe. Sie er-kennt, sie ist ihm wertvoll. Er interessiert sich für das, was sie erlebt, was sie denkt und fühlt. Hagar erfährt sich als freies, geliebtes Geschöpf Gottes. Wie Hagar im Gebet die Gotteserfahrung macht, so können auch wir beim Beten, z. B. Psalm139,1ff. die Allwissenheit und Allgegenwart Gottes erfahren: „ Herr, du erforschst mich und kennst mich… und siehst alle meine Wege.“
König David hat diese Verse des Psalms 139 nicht aus einem Gefühl der Angst formuliert, sondern – ganz im Gegenteil – aus einem Gefühl ruhiger und tiefer Geborgenheit. Es tut uns gut, zu wissen, dass Gott auch auf den Durstrecken des Lebens bei uns ist und mit uns geht. Wo Gott seine Augen der Liebe auf uns richtet, da kommt unser Herz zur Ruhe und wird erleuchtet. Der Theologe Lothar Zenetti hat mit folgenden Worten treffend formuliert, was passiert, wenn Menschen zum Glauben, zur Liebe und Hoffnung gerufen werden:
„Menschen, die aus Hoffnung leben, sehen weiter, Menschen, die aus Liebe leben, sehen tiefer, Menschen, die aus Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht“.
Wie Gott Hagar aufgerichtet und ihr neuen Lebensmut geschenkt hat, so will Gott auch unseren Glauben zum Strahlen und Leuchten bringen. Mögen wir lernen aus der Sicht Gottes die Welt, unser Leben und unsere Mitmenschen zu sehen. Wir sind mit vielen Menschen auf der Welt unterwegs und gerade da, wo Gott uns hingestellt hat, gibt er uns Kraft, um mit Worten und Taten die Liebe zu bezeugen, die der Anfänger und Vollender unseres Glaubens, Jesus Christus, in unsere Welt gebracht hat, damit unser Zusammenleben friedlicher, barmherziger und gerechter wird.

Ich wünsche uns Vertrauen, dass Gott unser guter Wegbegleiter bleibt und grüße Sie /Euch herzlichst mit allen guten Wünschen, vor allem Gesundheit, Freude am Leben und Gottes Segen!

Ihr/Euer
Norbert Müller, Pfr.

Pfarrer Müller Morgenstern